Budapest Régiségei 30. (1993)

VALLÁS = RELIGION - Diez, Erna: Leda in Aquincum = Léda Aquincumból 209-214

Erna DlEZ LEDA IN AQUINCUM Als in den Jahren 1973/1974 das alte Stadtviertel im Zentrum von Óbuda (Altofen) abgerissen wurde, um einem neuen Platz zu machen, bot sich den Archäo­logen des Historischen Museums Budapest die Gele­genheit, in dem darunterliegenden Areal des Legions­lagers Aquincum Untersuchungen anzustellen. Sie mußten unter größtem Zeitdruck durchgefürt werden, dennoch gelang es Klara Póczy und ihren Mitarbeite­rinnen, wichtige neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das bedeutendste Ergebnis war die Aufdeckung des Ost­tores, der porta praetoria des Legionslagers. Nach sy­stematischen Vorarbeiten konnte im Verlauf des Jah­res 1974 die Bauzeit (Neubau des ausgehenden 3. Jhs.) und der Grundriß (3 von achteckigen Türmen flan­kierte Durchgänge) geklärt werden. Schon im Jahr vorher aber kamen beim schichtweisen Abtragen der Legionsmauer einige Spolien (Inschriftenfragmente, Fries- und Pfeilerstücke u.a.) zum Vorschein. Der be­merkenswerteste Fund am 23. August 1973: Eine große Reliefplatte mit der Darstellung einer nackten Frauenfigur. Sie wurde - wie auch die anderen Stücke - in das Museum Aquincense überführt (Inv. Nr. Aquincum Lapid. 91. 5. 7) und im Nordflügel der in den 70-er Jahren hinter dem Museumskomplex errich­teten neuen Galerie der Steindenkmäler an der Rück­wand aufgestellt; gehalten von einer eisernen Stützvor­richtung und beiderseits mit je einer starken Klammer an der Mauer befestigt (Abb. 1)? Der als Baumaterial verwendete 0,27 m dicke Re­liefstein ist fragmentiert und mehrfach beschädigt. Sei­ne größten erhaltenen Abmessungen: H = 0,97 m, Br = 1,10 m. Oben ist er fast waagrecht wie abgeschnit­ten, unten nach ünks hin ansteigend ausgebrochen, das linke Randstück zur Gänze weggeschlagen. An der rechten Seite ist die 0,10 m breite glatte Rahmenleiste erhalten, die unten gerade noch vorhandene innere Ecke des Rahmens ergibt die Bodenlinie des Relief­bildes. Der in annähernd halber Lebensgröße darge­stellten aufrechten Frauengestalt fehlen der Kopf samt dem Hals, der linke erhobene Unterarm sowie auch die Füße bis über die Knöchel. Dem links neben ihr stehenden, ihr zugewandten großen Vogel beide Füße, der Schwanz, ein Teil seines rechten Flügels, etwa die Hälfte des vorgestreckten Halses und der Kopf. Von der nackten kleinen Kinderfigur auf einer Art Stand­leiste über dem Vogel ist nur der Unterleib bis zum Rippenrand erhalten gebheben. Auch vor der Verwendung als Baustein wird die große Platte nicht mehr unbeschädigt gewesen sein. So war wohl das vordere Halsstück und der Kopf des Vogels schon früher weggebrochen, denn ihre Relie­fierung ist völlig verschliffen. Und Schäden entstanden auch bei der Freilegung und Bergung aus dem Mau­erverband. Augenfällig sind die vom Bagger verur­sachten Abschürfungen, unter denen der helle Stein hervortritt: An und unter der fragmentierten Kinder­figur, am meisten aber am rechten Oberschenkel der Frauengestalt und über ihr Knie hinab bis zum halben Unterschenkel. Auf dem Reliefgrund zieht rechts ein fingerbreiter rezenter Kratzer von oben senkrecht nach unten und läuft in einer Bogenlinie in der Rah­menleiste aus. Material der Platte ist der von den aquincenser Steinmetzen vorwiegend verwendete Kalkstein aus den Brüchen des nahen Budakalász. An der Deutung des Reliefbildes besteht trotz Fragmentierung und verschiedenartiger Beschädigun­gen kein Zweifel. Dargestellt ist Leda, Tochter des Königs Thestios von Aitolien und Gemahlin des Spar­tanerkönigs Tyndareos, der Zeus sich in Gestalt eines Schwans nähert, um sich mit ihr zu vermählen. Die Sage in der geläufigen Form überliefert Euri­pides in seiner 412 v. Chr. aufgeführten 'Helena': „Es geht die Rede, daß Zeus zu Leda ... flog in Schwans­gestalt, als ob er Zuflucht suchte vor eines Adlers Klau'n, und heimlich sich mit ihr vermählte." Eben diese Sagenversion liegt einem berühmten statuarischen Werk zugrunde, das dem am Skulptu­renschmuck des Asklepiostempels in Epidauros maß­geblich beteiligten, später auch am Mausoleum von Halikarnass mitwirkenden Künstler Timotheos zuge­schrieben und um 470 v. Chr. datiert wird. Der Schwan hat sich in Ledas Schoß geflüchtet, sie hält ihn mit der Rechten an sich, während sie mit der Lin­ken ihren Mantel an einem Zipfel hochhebt, zum Schutz gegen den verfolgenden Adler, der - obwohl nicht dargestellt - durch ihre Blickrichtung doch in die Szene einbezogen ist. Leda ist von ihrem Sitz auf­gesprungen, ihr von der rechten Schulter gelöster Chi­ton auf den Oberchenkel herabgeglitten. Die Leda­Statue der Späten Klassik ist in vielen Repliken auf uns gekommen, die beste steht in Rom, im Kapitoli­nischen Museum. In der Kaiserzeit bis zur Spätantike waren Darstel­lungen der Leda mit dem Schwan nach Ausweis der zahlreich erhaltenen Reliefs, Wandmalereien, Mosai­ken, Schöpfungen der Kleinkunst, aber auch Ge­brauchsgegenständen (Lampen u.a.) außerordentUch beliebt. Mit der auf Timotheos zurückgeführten Sta­tue lassen sie sich allerdings kaum in Beziehung brin­gen; ihr Motiv ist nicht die List des Zeus, der als vom Adler verfolgter Schwan in Ledas Schoß Zuflucht sucht und findet, sondern bevorzugt die erotisch-pi­209

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