Nyelvtudományi Közlemények 77. kötet (1975)

Tanulmányok - Hüfner, Lorenz: Samuel Gyarmathi und seine Bemerkungen um die grammatische Komponente der Finnougristik 57

SAMUEL GYAEMATHI UND SEINE BEMÜHUNGEN 63 auch zu Göttingen erloschen, so hatte das nicht nur persönliche, sondern auch sachliche Gründe. Aus Göttingen hatte Gyarmathi keine neuen finnisch-ugri­schen Anregungen zu erwarten. Zur Pflegestätte der Finnougristik im protestan­tischen deutschen Gebiet wurde im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts die Berliner Universität,15 wo Wilhelm Schott — ein Schüler des Hallenser Gelehr­ten Johann Severin Vater — 1836 in seinem „Versuch über die tatarischen Sprachen" an Gyarmathis Affinitás anknüpfte. Die Berliner Universität erfüllte damit das Vermächtnis ihres Begrün­ders Wilhelm von Humboldt, der — auf diesem Gebiet durch Friedrich Schlegel angeregt — finnisch-ungarischen Sprachproblemen im Rahmen seiner umfas­senden und richtunggebenden philologischen Forschungen reges Interesse entgegenbrachte und der auch zu dem führenden ungarischen, leidenschaftlich auf die Nationalgeschichte seines Volkes orientierten, wenn auch mit irrationa­len Elementen behafteten Historiker István Horváth persönlichen Kontakt unterhielt. So befaßte sich Wilhelm von Humboldt mit der für die finnisch­ugrischen Sprachen typischen Vokalharmonie, die ihm als Beispiel für Betrach­tungen zu Sprachentwicklungen diente. Auch dessen Bruder Alexander von Humboldt bezog, namentlich im Zusammenhang mit seiner Rußlandreise (1829), die finnisch-ugrischen Völker in seinen wissenschaftlichen Gesichts­kreis ein. Die reichhaltigen finnisch-ugrischen Traditionen der Berliner Universität erlebten in der Deutschen Demokratischen Republik einen erneuten Auf­schwung. Insbesondere Wolfgang Steinitz (1905—1968) setzte internationale Maßstäbe. Seine fundamentalen Untersuchungen über die ostjakische Folk­lore sind eine wesentliche Bereicherung der marxistisch—leninistischen Ethnographie und zugleich eine Ehrenrettung der Volkskunde als Wissen­schaft, da diese Disziplin in Deutschland vom faschistischen Ungeist so arg mißbraucht worden war. Verständlicherweise konnte die Affinitás bei der Kürze der Zeit ihrer Entstehung nicht zum vollausgereiften Werk werden. Immerhin hat jedoch Gyarmathi sprachliche Zusammenhänge klar erfaßt und problematische Fragen anzupacken versucht, was natürlich zwangsläufig Irrtümer einschloß. Ihr Aufbau ist heterogen. Sie besteht aus einer Widmung an den Zaren Paul L, die Gyarmathi — offenbar auf Anraten von Schlözer16 — seiner Affinitás voranstellt, um so leichter die Genehmigung für eine Studienreise durch Ruß­land zu erhalten, wo er sich an Ort und Stelle eine wertvolle Ergänzung seiner Kenntnisse über die in Rußland ansässigen finno-ugrischen Völker und deren Sprache erhoffte. Die Möglichkeit zu einer solchen Forschungsreise hat sich in der Folgezeit jedoch nicht ergeben. Daran schließen sich die schon genannten Teile Fasciculus I und Fascicu­lus II an. Fasciculus III behandelt : Alliae Septem linguae fennicae originis (sieben andere Sprachen finnischen Ursprungs). Das Werk beschließen drei sogenannte Appendices, und zwar Appendix I : Untersuchung der ungarisch­türkischen Verwandtschaft ; Appendix II : Wortzusammenstellungen aus dem 15 Über die Entwicklung der Finnougristik an der Berliner Universität vgl. vor allem B. Szent-Iványi, Finnisch-ugrische Sprachwissenschaft und Ungarnkunde an der Berliner Universität, in : Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin, Beiheft zum Jubliläumsjahrgang (9) 1961, S. 45 — 62. 16 Vgl. M. Zsirai, Finnugor rokonságunk, Budapest 1937, S. 503.

Next

/
Thumbnails
Contents