Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)

REBITSCH, Robert: Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644

Robert Rebitsch Der Sohn des verstorbenen Königs, Ludwig XIV. (geboren am 5. September 1638), der spätere Sonnenkönig, war noch ein regierungsunfähiges Kind. Seine Mutter, Anna de Austria (Anne d'Autriche), und der Nachfolger Kardinal Richelieus, Jules Mazarin (Giulio Raimondo Mazzarino), leiteten einstweilen unter innenpolitisch äußerst labilen und gespannten Verhältnissen die Geschicke Frankreichs.5 Ferdinand, sein Hofkriegsrat in Wien und die kaiserliche Generalität machten sich daher über die weiteren militärischen Operationen Gedanken, wobei mehrere Optionen zur Wahl standen.6 Wegen des rauen Wetters sah man dabei von einer weiteren Verfolgung der Franzosen über den Rhein ab, auch eine Belagerung Breisachs oder ein Angriff auf Überlingen, den so genannten „Vier Waldstädten“ (Rheinfelden, Laufenburg, Säckingen und Waldshut) oder Freiburg schien nicht besonders ratsam. Man konnte also die Armada einerseits in die Winterquartiere schicken oder andererseits eine offensive Variante wählen. Da, laut Beurteilung des Wiener Hofes, sich nach dem Abzug der französischen Verbände nicht mehr allzu viele Feinde auf Reichsboden befanden, eigentlich nur noch die schwedischen Truppen und ihre hessischen Verbündeten, erwog man den Plan, mit Hilfe bayerischer Unterstützung (1 000 Mann Kavallerie und 2 000 Infanterie) sofort gegen die Schweden unter Lennart Torstensson und Hans Christoph von Königsmarck offensiv zu werden. Dabei stand vor allem die Zurückdrängung der Gegner nach Pommern im Vordergrund, um die eigene Armee in Brandenburg und nicht in den habsburgischen Erblanden einquartieren zu können. Die Einquartierungen und die Versorgung der Truppen spielten natürlich eine essentielle Rolle in der Kriegführung des Dreißigjährigen Krieges.7 Das Überleben einer Armee hing im Wesentlichen von brauchbaren Quartieren ab, die in einem Gebiet lagen, wo die Versorgung und Fourage sichergestellt werden konnte. Das so genannte „Konservieren“ eines Heeres wurde mit Fortdauer des Krieges jedoch immer schwerer, da die Länder, ohnehin an einer Mängelwirtschaft leidend, durch die Kriegsbewegungen der riesigen Armeen und der ihnen auferlegten S. 42 f., S. 69-73 und S. 105-109 sowie zu den Gründen des Kriegseintritts Frankreichs Weber, Hermann: Vom verdeckten zum offenen Krieg. Richelieus Kriegsgründe und Kriegsziele 1634/35, in: Krieg und Politik 1618-1648. Europäische Probleme und Perspektiven. Hrsg, von Konrad Repgen unter Mitarbeit von Elisabeth Müller-Luckner (= Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 8. München 1988), S. 203-217. 5 Zu den inneren Verhältnissen Frankreichs vgl. Treasure, Geoffrey: Mazarin. The Crisis of Absolutism in France. London-New York 1995, S. 64-67 und allgemein zu den Krisen in Frankreich während des Dreißigjährigen Krieges M o u s n i e r, Roland: Les crises intérieures françaises de 1610 à 1659 el leur influence sur la politique extérieure française, surtout de 1618 à 1648, in: Krieg und Politik, S. 169-183. 6 Stâtni Oblastni Archiv v Litomëficich, Dêéin, Feldkanzlei Matthias Gallas [in Hinkunft: StOAD, FKG], Ka. 375, Ferdinand III. an Matthias Gallas, Wien 6. Dezember 1643. 7 Dazu vgl. Parrott, David A.: Strategy and Tactics in the Thirty Years' War: The “Military Revolution”, ln: Militärgeschichtliche Mitteilungen 38 (1985), S. 7-25 und allgemein zur Thematik Versorgung von Armeen vgl. Creveld, Martin L.: Supplying War. Logistics from Wallenstein to Patton. Cambridge 1977. 32

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