Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)
REBITSCH, Robert: Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644
Kontributionen zunehmend aufgebraucht und im wahrsten Sinne des Wortes „leer gefressen“ wurden. Der Kampf um die Ressourcen, um Rekrutierungs- und Verproviantierungsterritorien wurde daher immer entscheidender. An eine befriedigende Versorgung der Mannschaften und der für die bewegliche Kampf- und Kriegführung enorm wichtigen Pferde, war in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges fast nicht mehr zu denken. Zudem war der Kaiser natürlich darauf bedacht, seine habsburgischen Erbländer zu schonen, also weder Feind noch Freund in den eigenen Herrschaften verpflegen zu müssen. Unter diesen Rahmenbedingungen nahm Ferdinand III. auch die Gefahren einer Winteroperation, die er bei den schwedischen Generälen, Johan Banér und Lennart Torstensson, so bewunderte, in Kauf. Doch zu einer großräumigen Operation in der kalten Jahreszeit kam es nicht. Die kaiserliche Armee und ihre Generäle waren so schnell nicht zu bewegen. Und zudem änderte sich die Lage rapide, denn die schwedische Hauptarmee brauchte nicht mehr nach Pommern gedrängt zu werden, sie ging von selber und griff überraschenderweise das Königreich Dänemark an. Die Nachrichtenübermittlung dauerte allerdings im 17. Jahrhundert seine Zeit. Als die schwedische Armee schon seit Tagen die holsteinische Grenze überschritten hatte, glaubte man in Wien noch, sie würde auf Magdeburg marschieren.8 Erst der verbündete Kurfürst von Sachsen, Johann Georg, unterrichtete die kaiserliche Armee, dass die Schweden bereits in Richtung des vom dänischen Königtum regierten, jedoch zum Reich gehörigen Herzogtums Holstein unterwegs seien.9 Im Übrigen war der dänische König Christian IV. in Kopenhagen genauso überrascht vom Einfall der Schweden wie der Wiener Hof. Er erfuhr von der Invasion erst am 17. Dezember (stilo vetere), am Tag, an dem Feldmarschall Torstensson bereits die Linie Itzehoe-Kiel beherrschte. Bei diesem Präventivschlag, wie es in der Diktion des schwedischen Königsreichs hieß, ging es um nichts weniger als um die zwischen Dänemark, Schweden, dem Zarenreich und Polen strittige Vorherrschaft im Ostseeraum - Dominium maris baltici -, zudem um die leidige Streitfrage des Sundzolles, bei der Schweden mit Dänemark nie einig wurde, und um die Ausschaltung der dänischen Vermittlungsversuche am Westfälischen Friedenskongress.10 Dem Dänenkönig war Der kaiserliche Feldzug in das Herzogtum Holstein im Jahre 1644 8 StOAD, FKG, Ka. 375, Ferdinand III. an Matthias Gallas, Wien 20. Dezember 1643. 9 Ebenda, Johann Georg von Sachsen an Matthias Gallas, Dresden 24. Dezember 1643. 10 Zu den Beweggründen der expansiven Politik Schwedens vgl. Lundkvist, Sven: Die schwedischen Kriegs- und Friedensziele 1632-1648. In: Krieg und Politik, S. 219-240 und Oredsson, Sverker: Warum griff Schweden in den Dreißigjährigen Krieg ein? In: Pommern. Geschichte. Kultur. Wissenschaft (= 1. Kolloquium zur Pommerschen Geschichte, 13,- 15. November 1990. Hrsg, von Wolfgang Wilhemus. Greifswald 1991), S. 105-112, weiters die Beiträge in Roberts, Michael: The Swedish Imperial Experience, 1560-1718. Cambridge 1979 und Zernack, Klaus: Schweden als europäische Großmacht in der frühen Neuzeit. In: Historische Zeitschrift 232 (1981), S. 327-357; zum Kampf um die Vorherrschaft im Ostseeraum vgl. Voges, Ursula: Der Kampf um das Dominium Maris Baltici: 1629 bis 1645. Schweden und Dänemark vom Frieden in Lübeck bis zum Frieden von Brömsebro. Univ.-Diss. Greifswald 1937; 33