Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 51. (2004)

SPIRA, György: Die erste Schilderung von Artúr Görgei über seine Tätigkeit

desselben Tages beabsichtigte ich eine forcirte Rekognoszirung, um über die wirkliche Stärke des Feindes Gewißheit zu erlangen. Nachdem ich jedoch bereits zu Mittag die sichere Nachricht erhielt, daß F/eld/M/arschall/ Fürst Paszkiewicz in eigener Person mir gegenüber stehe, ward mir die Unmöglichkeit des Durchbruches sogleich einleuchtend, und ich beschloß, den Rückzug über Losonc36 ohne Verzug anzutretten. Der Abmarsch von Weitzen begann bei einbrechender Dämmerung und dauerte ganze Nacht fort, weil ein Heer von Zivilflüchtlingen sich aus Angst von einem ungewissen Schicksale1 an die Armee anschloß und deren Bewegungen durch die ungeheure Anzahl ihrer Wäge™ aufs höchste erschwerte. Dieser Umstand und der grobe Fehler des Generalen Nagy Sändor,37 welcher seine Vorposten wä/h/rend der Nacht einzog und dadurch dem Feinde unseren Abmarsch voreilig verriet, brachte" mich am Morgen des 17ten in eine verzweifelt mißliche Lage, indem meine Arriergarde /das Streif-Corps Görgei Arm./, durch Nagy Sändors Fehler in der rechten Flanke bloßgestellt, von einigen Abteilungen feindlicher Cavallerie umgangen und im Rücken angegriffen wurde. Diese Arriergarde verlor ihre Haltung und retirirte in Unordnung durch Weitzen, wobei sie sieben Kanonen verlor. Durch eine entschlossene Vorrückung mit dem 3ten Armee-Corps gelang es uns die sechs der bereits verlorenen Geschütze zurückzuerobem, die Arriergarde vor der gänzlichen Vernichtung zu retten und die ordentliche Fortsetzung des Abmarsches zu schützen. Als auf diese Vorrückung der Frontalangriff feindlicherseits sich entwickelte, war der Abmarsch beendet und der fernere Rückzug möglich gemacht. Den größten Gefahren entrannen wir durch den Zufall, daß weder die von Hatvan noch die aus den Bergstädten auf unsere Rückzugslinie führenden Co/m/municationen benützt wurden, um uns auf unserem Marsche gegen Miskolc aufzuhalten. Die Veranlassung dieses für uns glücklichen Zufalls suche ich teils in dem Umstande, daß es sehr schwer halten mußte, über unsere Stärke und Bewegungen richtige Kundschaften-Nachrichten einzuziehen, teils darin, daß die anbefo/h/lenen Operationen in einem feindlichen Lande nicht mit jener Prezision ausgeführt werden konnten, die zum Gelingen großer combinirten Operationen unumgänglich notwendig ist. Als ich Putnok erreicht hatte, erfuhr ich, daß in Miskolc nur einige tausend Mann0 russischer Truppen standen, und beschloß sogleich, diesen Umstand zu benützen, Miskolc zu forciren und den Feind bis über die Anhöhen von Görömbely38 auf der Mezö-Kövesder Straße zurückzudrängen; mittlerweile jedoch mit dem grösp und der Arriergarde den Fluß Sajö zu passieren und den Übergang über die Hernät39 bei Gestely40 vorbereiten zu lassen. Noch am 22ten Abend passirte das 7te Armee-Corps Miskolc, welches der Feind bereits geräumt hatte, das Lager jenseits von Csabaq, und schob die Vorposten bis über die Görömbelyer Anhöhe hinaus auf der Mezökövesder und bis über Nyék auf der Mezökereszteser Strasse/ Am 23ten gewann ich glücklich die Sajö-Linie und mit ihr den freien Rückzug über Tokaj hinter die Theiss/ welcher' mir durch das feindliche 4te Armee- Corps über Onöd41 sehr leicht hätte unmöglich gemacht werden können. Die erste Schilderung von Artur Görgei über seine Tätigkeit 36 Unter dem slowakischen Namen: Lucenec. 37 General Jözsef Nagy Sändor stand seit Ende April an der Spitze des 1. Armeekorps. 38 Richtig: Görömböly, slowakischer Name: Gerembel, heute: Stadtteil von Miskolc. 39 Richtig: Hemäd. 4U Richtig: Gesztely. 41 Richtig: Önod. 131

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