Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 51. (2004)

SPIRA, György: Die erste Schilderung von Artúr Görgei über seine Tätigkeit

György Spira Somit war meine Aufgabe, die Vereinigung mit den ungarischen Truppen unter Dembinski“ möglich zu machen, gelöst, denn die offiziel/l/en Mitteilungen der provisorischen Regierung enthielten die Versicherung, daß die ganze Theissv gegen einen feindlichen Übergang follkommenv gedeckt und eben deßhalb auch Gr/oß-AVardein zum Sitz der Regierung und zum endlichen Vereinigungspunkt aller ungrischen Streitkräfte bestimmt worden sei. Ich hatte somit keine andere Aufgabe, als mich zwischen der Theiss* und der Hemat so lange zu halten, bis ein übermächtiger feindlicher Angriff mich zum Rückzug über Tokaj zwingt. Hieraus ist es erklärlich, weßhalb ich die Gefechte zwischen Miskolc und Harsany42 am 24ten, bei Zsölca43 am 25ten und bei Gesthely am 28ten lieferte, anstatt meinen Rückzug ununterbrochen über Tokaj fortzusetzen. Gegen die Art, auf welche ich an den zwei letztgenannten Tagen bei Zsolca und Geszthely angegriffen worden, ließe sich bemerken, daß feindlicherseits die Überlegenheit an Infanterie und Cavallerie sowohl an Güte als auch an Zahl nicht hinlänglich benützt wurde, dadurch wir in den Stand gesetzt waren, gerade unsere stärkste Waffe, nähmlichy die Artillerie mit guten Erfolg in den Kampf zu bringen. Ferners scheinten mir überhaupt beide Angriffe, da sie in der Fronte ohne kombinirten Flankenangriffen geschahen, sehr gewagt und mit großen Opfern verbunden, welche bei einem wirklichen Flankenangriffe kombinirt mit kräftigen Scheinangriffen in der Front stets vermieden werden. Auch hätte ein Flankenangriff mich bei meiner sehr ausgedehnten Stellung stets in bedeutende Verlegenheit bringen und bei der Uibermacht der gegenüberstehenden feindlichen Macht sehr bald zum Weichen bringen müssen. Nach diesen bescheidenen Bemerkungen kehre ich zu der Fortsetzung der Operazionen zurück. Der Übergang der feindlichen Hauptmacht über die Theiss7 bei Tisza-Füred zwang mich, gleichfalls über die Theiss2 bis an die Beretjo44 zurückzuziehen, und zwar noch vor Anlangen des Feindes bei Debreczin.45 Zur Sicherung des Marsches von Tokai46 nach Gr/oß- AVardein wurde das erste Armee-Corps über Debreczin beordert und hatte keineswegs die Aufgabe, sich - wie dies am 3ten47 geschah - mit der feindlichen Übermacht in einen entscheidenden, verzweifelten Kampf einzulassen. Der glü/c/kliche Zufall, daß der rechte Flügel der feindlichen Armee nicht mit derselben Schnelligkeit auf die Rückzugslinie dieses schwachen Armee-Corps vorrückte, mit welcher das Manöver des linken Flügels so erfolgreich ausgeführt worden, rettete uns vor der Gefahr, unsere Rü/c/kzugslinie nach Gross-Wardein34 ganz zu verlieren. Das 1 tebb Armee-Corps sam/m/elte sich erst bei Gr/oß-AVardein wieder, und ich war demnach genötigt, auch die Beretjo-Linie aufzugeben und den Rückmarsch bis Arad allsogleich“ vortzusetzen,dd wo die prov. Regierung sich bereits befand und auch die Vereinigung mit den Truppen Dembinskis hätte geschehen sollen. Meine Avantgarde erreichte Arad am 9ten August, und am selben Tage wurden auch die Truppen Dembinskis unter ihrem neuen Obercommandanten Bern von der Division Paniutin und einem Teile der österr. Armee dermaßen geschlagen, daß sie“ trotz ihrer bedeuten/den/ Anzahl, welche sich nach Angabe der prov. Regierung auf 50 000 belaufen haben soll, aufhörten, 42 Richtig: Harsany. 43 Richtig: Zsolca. 44 Richtig: Berettyö. 45 Ungarischer Name: Debrecen, lateinischer Name: Debrecinum. 46 Richtig: Tokaj. 47 Die Schlacht bei Debrecen trug sich in Wirklichkeit am 2. August zu. 132

Next

/
Thumbnails
Contents