Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung
Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft fangs durchaus unerwünscht5. Damals, wie später gelegentlich auch, befürchtete man eine Vernachlässigung der eigentlichen Dienstpflichten, falls sich die Archivare zu sehr den eigenen wissenschaftlichen Forschungen widmen würden. Es kommt darin ein eigenartiges, auch heute noch gültiges Dilemma im Verhältnis von Archiv und Forschung zum Ausdruck, dass der Archivar eine qualifizierte wissenschaftliche Ausbildung braucht, um den Forschem bei der Erarbeitung jener Werke behilflich zu sein, die er vielleicht selbst gerne schreiben würde, aber wegen seiner eigentlichen dienstlichen Verpflichtungen nie wird schreiben können. Trotzdem war bereits der zweite Direktor des Hausarchivs der durch seine „Geschichte der Teutschen“ bekannte Historiker Michael Ignaz Schmidt, den man ans Archiv als potentielle Forschungsstätte, und nicht an die Universität, verpflichtete, für die er in der damaligen Situation des akademischen Lehrbetriebs, wie Alphons Lhotsky gemeint hat, viel zu gut war6. Auch Direktoren wie der erwähnte Joseph Hormayr oder der durch seine Forschungen zur österreichischen Geschichte des Spätmittelalters, besonders zur Herrschaft Friedrichs III. noch heute unverzichtbare Joseph Chmel gehören zu den frühen Beispielen hauseigener historischer Forschung7. Unter dem Tiroler Hormayr vollzog sich die allmähliche Entwicklung des Archivs zur wissenschaftlichen Anstalt. Seine eigenen Veröffentlichungen und vor allem die von ihm herausgegebenen Zeitschriften und Sammelwerke wie der in zwanzig Teilen erschienene Österreichische Plutarch8 weckten das Bewusstsein für das, was zu seiner Zeit als vaterländische Geschichte bezeichnet wurde. Leider wurde sein Wirken als Archivdirektor 1813 durch die Verwicklung in die so genannte Alpenbundaffäre zur Befreiung Tirols beendet. Zwar wurde er später noch zum Hofhistoriographen ernannt, aber die Benützung des von ihm einst geleiteten Archivs wurde ihm untersagt — eine der Skurrilitäten der vormärzlichen Bürokratie. Chmel, der durch seine Unterstützung Stifters bei den Vorarbeiten für den Witiko auch bei Literaturwissenschaftlem bekannt ist, hat durch seine Besessenheit im Aufspüren und Veröffentlichen von Quellen die oft hämische Kritik mancher Zeitgenossen herausgefordert. Grillparzer, als Direktor des Hofkammerarchivs sozusagen sein Kollege, hat ein bissiges, im Grunde ziemlich unfaires Epigramm auf ihn gedichtet. Aber während viele seiner Kritiker heute vergessen oder höchstens noch von wissenschaftsgeschichtlichem Interesse sind, stellen die Veröffentlichungen Chmels zur spätmittelalterlichen Geschichte Österreichs und besonders zu Regierung und Persönlichkeit Friedrichs III. für alle, die sich mit dieser Zeit wissenschaftlich beschäftigen wollen, noch immer eine unabdingbare Grundlage der eige5 B i 11 n e r: Gesamtinventar Bd. l.Wien 1936, S. 162*ff. und 191 * ff. 6 Lhotsky, Alphons: Österreichische Historiographie, Wien 1962, S. 194. 7 Vgl. dazu Weinzierl, Erika: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft 1848-1867. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs [in Hinkunft: MÖStA] 16 (1963), S. 250-280, hier S. 255 (zu Chmel). 8 Vgl. dazu Lhotsky : Historiographie (wie Anm. 6), S. 146. 55