Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
LILLA, Joachim: Die Vertretung Österreichs im Großdeutschen Reichstag
Joachim Lilla Stimmung nicht erforderlich waren. Die Wochen bis zur Wahl charakterisiert Emst Hanisch treffend als „Volksfest in Permanenz“54. In Österreich gab es folgendes Ergebnis: Es wurden insgesamt 4,398 05155 Ja- Stimmen abgegeben, die also sowohl für die Wiedervereinigung Österreichs als auch für die Liste des Führers56 gestimmt haben57. Das Wahlergebnis verkündete Bürckel „unter dem Jubel der Massen“ im Wiener Konzerthaus und interpretierte dieses Ergebnis wie folgt: „Diese 99,75 Prozent erklären: Wir sind Deutsche und gehören für alle Ewigkeit nur Deutschland und seinem Führer.“58 * Bereits am folgenden Tag wurde - „nach den vorläufigen Berechnungen“ - in Berlin bekannt gegeben, dass der Großdeutsche Reichstag 813w Abgeordnete umfassen werde. „Davon entfallen voraussichtlich 73 auf Österreich.“60 Bei dieser rechnerisch richtigen Zahl ist es dann auch geblieben. Es stellt sich nun die Frage, anhand welcher Kriterien diese 73 Abgeordneten aus Österreich nominiert wurden. Da das Verfahren der Zuteilung der Mandate auf einzelne Bewerber in der noch geltenden Fassung des Reichswahlgesetzes nicht mehr geregelt war (der entsprechende § 33 war mittlerweile „gegenstandslos“), muss davon ausgegangen werden, dass für die Auswahl der Bewerber für die Be54 Hanisch, Emst: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Wien 1994 (Österreichische Geschichte 1890-1990, hg. von Herwig Wolfram), S. 345. 55 Dieses Ergebnis setzt sich wie folgt zusammen: 4,276 349 Stimmen aus dem Land Österreich und 122 702 Stimmen österreichischer Stimmberechtigter im alten Reichsgebiet (nach: Kienast: 1938, S. 124). Am Tag nach der Wahl war zunächst von 4,273 884 Ja-Stimmen die Rede. Vgl. Rheinische Landeszeitung Krefeld Nr. 100, 11. April 1938. - Hinsichtlich des Endergebnisses von Volksabstimmung/Wahl sind in der Literatur verschiedentlich merkwürdigerweise immer deutlich höhere Zahlen zu finden: z. B: Hagspiel: S. 44, kommen für die österreichischen Bundesländer in der Summe 4,331 070 Ja-Stimmen zusammen; Lu a: S. 55, nennt 4,443 200 Ja-Stimmen, und Rolf Steininger kommt gar auf 4,453 772 Ja-Stimmen (S t e i n i n ger, Rolf: 12. November 1918 bis 13. März 1938. Stationen auf dem Weg zum Anschluß. In: Steininger, Rolf - Gehler, Michael (Hrsg ): Österreich im 20. Jahrhundert. Bd. 1: Von der Monarchie zum Zweiten Weltkrieg. Wien-Köln-Weimar 1997, S. 99-152, hier: S. 131). 56 Wobei bemerkenswerterweise die formal separat zu bewertenden Stimmen der Soldaten des ehern, österreichischen Bundesheeres, die nur für die Volksabstimmung stimmen durften, nicht getrennt ausgewiesen wurden. 57 Zum Gesamtergebnis, aufgeteilt nach Stimmberechtigten, abgegebenen, ungültigen, gültigen, Ja- und Nein-Stimmen und untergliedert nach den österreichischen Bundesländern vgl. H a g s p i e 1: S. 44 f. 58 Rheinische Landeszeitung Krefeld Nr. 100, 11. April 1938. 5'7 Wohl ein Schreib- oder Rechenfehler, denn 1936 gehörten dem Reichstag 741 an, zu denen dann die 73 österreichischen hinzukamen. Dem Reichstag gehörten nach dem 10. April 1938 dann auch 814 Angeordnete an. 60 Ebenda: Nr. 101, 12. April 1938. 242