Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LEBENSAFT, Elisabeth – MENTSCHL, Christoph: Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company. Ein Beitrag österreichischer Flüchtlinge im Kampf gegen NS-Deutschland, dargestellt nach britischen Quellen
„Die Franzosen machten es uns schwer, ihr Land zu lieben“5 - Internierung und Prestation in Frankreich Die Bedeutung Frankreichs als erste und für lange Zeit wichtigste Exilstation für jene, die sich vor der nationalsozialisten Verfolgung in Sicherheit bringen mußten, ist wiederholt und ausführlich dargestellt worden6, ebenso die für die Asylanten völlig unerwartete und enttäuschende Vorgangsweise der französischen Behörden, in Reaktion auf die in der Bevölkerung verbreitete Furcht vor einer „Fünften Kolonne“ mit Kriegsbeginn die männlichen Exilanten ohne Unterschied der politischen Gesinnung und ungeachtet der Bereitschaft vieler, aktiv gegen die Nazis zu kämpfen, in Gewahrsam zu nehmen, sie zuerst in improvisierten Sammellagem (Sportstadien etc. ) zu konzentrieren und sie danach auf die Lager, die in den einzelnen Militärdistrikten errichtet worden waren7, zu verteilen8. Wie schon in den Sammellagem herrschten auch in diesen Internierungslagern teilweise menschenunwürdige Zustände, die einerseits durch die rauhe Wittemng des Herbstes 1939, anderseits durch die mangelhafte Ausstattung der oft nur provisorisch und in kürzester Zeit errichteten Camps, aber auch durch menschliches Fehlverhalten und Schikanen mancher französischer Wachmannschaften verursacht wurden9 - Erfahrungen, die übrigens von dem selbst im südfranzösischen Lager Les Milles interniert gewesenen Lion Elisabeth Lebensafl und Christoph Mentschl 5 Frucht, Karl: Verlustanzeige. Ein Überlebensbericht, Wien 1992, S. 158. 6 Vgl. etwa Gr os s mann, Kurt R.: Emigration. Die Geschichte der Hitler-Flüchtlinge 1933-1945. Frankfurt a. M. 1969; Fabian, Ruth-Coulmas, Corinna: Die deutsche Emigration in Frankreich nach 1933. München-New York-London-Paris 1978; Badia, Gilbert [et al.]: Les barbelés de l’exil. Etudes sur 1’emigration allemande et autrichienne 1938-1940. Grenoble 1979; Schwager, Emst: Die österreichische Emigration in Frankreich 1938-1945. Wien-Köln-Graz 1984 (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 74); Etzersdorfer, Irene: Österreichische Sozialisten im französischen Exil. Aspekte zur Exilgeschichte österreichischer Revolutionärer Sozialisten in Frankreich 1938-1945. Diss. Wien 1985; Pfoser-S chewig, Kristina: „Hier trifft sich alles“ ... Frankreich als Transit- und Niederlassungsland für österreichische Intellektuelle. In: Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft, hrsg. von Friedrich Stadler. Wien-München 1988, S. 935 ff. 7 PRO, FO 371/24306, p. 164: „German and other Refugees in France“, 17. 4. 1940. Dieses Memorandum wurde von Philipp Carr, einem Mitarbeiter des britischen Informationsministeriums, anhand von Material des französischen Informationsministeriums erstellt. 8 Vgl. dazu etwa Schramm, Hanna: Menschen in Gurs. Erinnerungen an ein französisches Internierungslager (1940-1941) mit einem dokumentarischen Beitrag zur französischen Emigrantenpolitik (1933— 1944) von Barbara Vormeier. Worms 1977 (Deutsches Exil 1933-45, 13); Titz, Anne: Von Les Milles nach Auschwitz. Zur Geschichte eines französischen Internierungslagers im zweiten Weltkrieg. In: Tribüne 24, 1985, H. 93, S. 166-178; T h a 1 h e i m, Werner: „Le Dachau franjais“. Exilierte hinter Stacheldraht. In: Dachauer Hefte 5, 1989, S. 188-192; Zur Mühlen, Patrik von: Fluchtweg Spanien- Portugal. Die deutsche Emigration und der Exodus aus Europa 1933-1945. Bonn 1992 (Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte 28); Zone der Ungewißheit. Exil und Internierung in Südfrankreich 1933-44. Hrsg, von Jacques Grandjonc und Theresia Grundtner, Reinbek bei Hamburg, 1993; ferner auch Badia: Les barbelés de l’exil; Grossmann: Emigration; Schwager: Die österreichische Emigration; Fabian - C o u 1 m a s: Emigration in Frankreich. 9 Wie deprimierend auch einem außenstehenden Beobachter die Lebensumstände der in den Lagern internierten Flüchtlinge erschienen, geht aus dem Bericht des Journalisten Eric Sevareid hervor, der im Winter 1939/40 die Erlaubnis zur Besichtigung des Lagers Meslay-du-Maine im Nordwesten Frankreichs erhielt (vgl. Sevareid, Eric: Not so Wild a Dream. New York 1947, S. 121 f.). 90