Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885
Johann Kurzreiter Handelspolitik gewälzt. Der Verlust der Stellung in Italien 1859/66, das die Ausgangsbasis für diese Pläne sein sollte, verhinderte eine Realisierung3. Mitte der 1880er Jahre, als die Aufteilung Afrikas begann und die Kongofrage aktuell wurde, gab es wieder eine gewisse österreichische Aktivität in Übersee. Seit 1883 trachtete Admiral Max von Sterneck, der neue Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, diese zum Wegbereiter und Instrument einer überseeischen Handelspolitik zu machen. Dahinter stand die Überlegung, daß Überseehandel und Kolonien eine große Kriegsflotte verlangen würden4. Bald nachdem Sterneck sein Amt übernommen hatte, begann er handelspolitische Erkundungsfahrten zu organisieren. So befuhr unter anderem die Korvette „Helgoland“ 1884/85 die Küste West- und Zentralafrikas, die zu dieser Zeit durch die Kongofrage im Zentrum des internationalen Interesses stand. Der Kommandant der „Helgoland“ beging dabei einen diplomatischen Fehlgriff, als er Anfang 1885 ohne Auftrag seiner Regierung, von den in Banana Creek (an der Kongomündung) ansässigen europäischen Kaufleuten aufgefordert, im Namen der k. u. k. Regierung gegen die Abmachungen eines portugiesischen Admirals mit den eingeborenen Häuptlingen protestierte. Außenminister Gustav Graf Kälnoky teilte Admiral Sterneck mit, das Außenministerium sei nicht in der Lage, für diesen Schritt des Kommandanten der „Helgoland“ die Verantwortung zu übernehmen, zumal die Interessen der Donaumonarchie in diesem Raum gering seien und einen solchen Akt daher nicht rechtfertigen würden5. Die Fahrt der „Helgoland“ lenkte das öffentliche Interesse in Österreich-Ungarn auf die Küste Westafrikas und ermutigte die konsularischen Vertreter der Monarchie in dieser Region, mit handeis- und kolonialpolitischen Plänen an das Außenministerium heranzutreten. Der k. u. k. Konsul in Tanger (Marokko), Dr. Schmidl, machte im Febmar 1885 den Vorschlag, am Kap Dschubie im Süden Marokkos eine Faktorei zu erwerben. Es gab auch die Idee, die Faktorei Rio de Oro im spanischen Kolonialbereich (im heutigen Westsahara) in Besitz zu nehmen. Hier zeichneten jedoch Konsul Dr. Schmidl und ein Agent ein ungünstiges Bild, indem sie den Eindruck ungeklärter Rechtsverhältnisse hervorriefen. Das k. k. Handelsministerium erteilte daher am 1. Mai 1885 eine ablehnende Antwort. Der Erwerbung einer Faktorei stünden prinzipielle Bedenken entgegen, zudem seien in diesem Fall die Verhältnisse zuwenig geklärt, hieß es6. 1899 unternahmen zwei österreichische Geschäftsleute, Korefif und Liebert, noch einmal den Versuch, die gesamte Kolonie Rio de Oro von einer spanischen Gesellschaft zu erwerben, deren Pachtvertrag mit der Regierung in Madrid im Jahre 1900 ablief. Koreff und Liebert bemühten sich, die Unterstützung der Wiener Regierung zu bekommen und die nötigen Geldmittel zur Gründung einer Gesellschaft aufzu3 Wagner, Johann: Österreichische Kolonialversuche in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Wien (Diss.) 1955, S. 270 f. 4 Ebenda,S. 155. 5 Ebenda, S. 199. 6 Ebenda, S. 200-204. 68