Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885

Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884-1885 treiben, die Rio de Oro pachten oder kaufen sollte 7. Nach der Meinung der beiden Geschäftsleute war eine staatliche Koloniegründung ausgeschlossen, weil sich dann die Frage gestellt hätte, ob es eine gemeinsame Kolonie beider Reichshälften oder eine rein österreichische Kolonie sein sollte8. Tatsächlich bildete die dualistische Struktur der Monarchie nach 1867 ein Hin­dernis für Kolonialpolitik. Es gab zwei Parlamente und zwei Handelsministerien, die neben den gemeinsamen Ministerien für Auswärtiges und Krieg für koloniale Unter­nehmungen zuständig gwesen wären9. Koreff und Liebert wandten sich an verschiedene Institutionen (Österreichische Kolonialgesellschaft, Österreichisch-Ungarischer Exportverein u. a. m.). Deren Re­aktion war in der Regel, daß die Initiative zur Gründung einer Kolonie vom Staat ausgehen müsse. Gerade dazu waren aber die zuständigen staatlichen Stellen (Handelsministerium, Außenministerium) nicht bereit. Das Außenministerium wollte sich nicht engagieren, weil die Gründung einer Kolonie angeblich nicht in die Kompetenz eines gemeinsamen Ministeriums fiel und weil es nur den Schutz von Unternehmungen, die von privater Seite in Angriff genommen worden wären, über­nehmen wollte10 11. Hier zeigte sich ein weiteres Problem, das koloniale Aktivitäten der Donaumonarchie erschwerte. Private Interessenten aus Industrie und Banken wollten ohne Garantien und Initiativen von seiten des Staates nichts riskieren, die staatlichen Stellen waren jedoch zu keiner Initiative bereit. So verlief das Projekt von Koreff und Liebert im Sande“. Ein zur selben Zeit, im Jahr 1900, unternommener Versuch des Wiener Außen­ministeriums, Absatzmärkte in Lateinamerika zu erschließen und dabei an die dorti­gen Kolonien von Auswanderern aus Österreich-Ungarn anzuknüpfen, scheiterte an der fehlenden Bereitschaft sowohl der Regierung als auch privater Kreise, mit einer Initiative voranzugehen12. Koloniale Aktivität entfaltete die Donaumonarchie um dieselbe Zeit in China. Den Anstoß gab das verstärkte Eindringen der fremden Mächte in das Land nach dem chinesisch-japanischen Krieg 1894/95. Angesichts der sich scheinbar abzeichnenden territorialen Aufteilung Chinas, des „break-up of China“, drängte der k. u. k. Ge­sandte in Peking, Czikann, darauf, daß Österreich-Ungarn dem Beispiel von Groß­britannien, Frankreich, Deutschland und Rußland, die kleine Territorien als Pacht­gebiete erworben hatten, folgen und ein Stück Land zur Errichtung einer Handels­und Flottenstation in Besitz nehmen sollte. Nachdem China die Forderung Italiens nach einem Pachtgebiet abgelehnt hatte (1899), ging das Außenministerium in Wien nicht auf die Idee Czikanns ein. Erst Anfang 1901, nach der Niederwerfung des 7 Klein, Fritz: Weltpolitische Ambitionen Österreich-Ungarns vor 1914. In: Jahrbuch für Geschichte 29 (1984), S. 263-289, hier S. 265 f. 8 Ebenda, S. 266. 9 Wagner: Österreichische Kolonialversuche, S. 271. 10 Ebenda, S. 216; Klein: Weltpolitische Ambitionen Österreich-Ungams, S. 271. 11 Ebenda, S. 274f. 12 Ebenda, S. 275-278. 69

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