Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
EMINGER, Stefan: Gewerblicher Mittelstand in Österreich Zur Zeit der großen Depression. Organisation, Interessenpolitik und politische Mobilität im Gewerbe 1930–1938
Stefan Eminger sehen Gewerbe, der Müller und Glaser sowie in denjenigen der Beratungs- und Vermittlungsgewerbe und der Allgemeinen Gewerbe.154 Eine nationalsozialistische Betätigung in diesen Gremien wurde erleichtert durch die teils indifferente, teils unterstützende Haltung von seiten des Großteils der Innungssekretäre. Sieben von den insgesamt zehn Sekretären verblieben auch nach dem „Anschluß“ in ihren Positionen155 - zumindest zwei von ihnen waren bereits in der „Verbotszeit“ Parteimitglieder -,156 und von den acht Abteilungsleitern im Generalsekretariat des „Bundes der österreichischen Gewerbetreibenden“ wurden sechs weiterverwendet.157 Einer der prominentesten „Illegalen“ in der austrofaschistischen Gewerbevertretung war Julius Kampitsch. Der Hotelier aus Payerbach (NÖ) fungierte nicht nur als Vizepräsident beider Monopolgewerbeverbände und stand an der Spitze der Gast- und Schankgewerbeinnung, er war auch Landesstatthalter von Niederösterreich und agierte als Verbindungsmann zwischen dem illegalen Landesleiter der NSDAP in Österreich, Josef Leopold, und Landeshauptmann Reither bzw. der Regierung Schuschnigg.158 Die praktische Tätigkeit nationalsozialistischer Gewerbebundfunktionäre bestand zumeist in der Weitergabe von Nachrichten an die illegale Landesleitung bzw. an reichsdeutsche Parteistellen oder Behörden sowie in Interventionen für verhaftete Parteigenossen.159 Spitzenvertreter wie der genannte Kampitsch verstanden es, ihren Einfluß auch im Sinne der Wiederverleihung von Gewerbescheinen an wegen NS-Betätigung Verurteilte einzusetzen, andere „Illegale“ benützten ihre Positionen als Zunft- oder Innungsmeister dazu, die Unterwanderung der Monopolverbände voranzutreiben, indem sie als Mitarbeiter politische Gesinnungsgenossen heranzuziehen trachteten.160 154 Mitglieder dieser Innungsleitungen wurden nach dem „Anschluß“ weiterverwendet bzw. waren zum Teil bereits während des Austrofaschismus Mitglieder der NSDAP. 155 Es handelte sich dabei um Dr. Oskar Hirt, Dr. Otto Burger, Dr. Gustav Axmann, Dr. Friedrich Brohs, Dr. Sigmund Wisloschill, Dr. Fritz Vogel und Dr. Anton Wolprecht. WKW, Registratur, Paket 3570/7, Mappe 1938, Verzeichnis über die enthobenen Angestellten, Neueinteilung der Innungsverwaltung ab 3. Juni 1938. 156 Und zwar Dr. Gustav Axmann, Sekretär der Gast- und Schankgewerbeinnung, und Dr. Fritz Vogel, Sekretär der Innungen der Beratungs- und Vermittlungsgewerbe, der Allgemeinen Gewerbe, der Realitätenvermittler, Rauchfangkehrer, Bestatter, Maler und Anstreicher und der Schuhmacher. Zu Axmann siehe AdR, GA, ZI. 235.439, Axmann, Dr. Gustav; Österreichische Zeitung (25. Mai 1946). Zu Vogel siehe AdR, GA, ZI. 21.654, Vogel, Dr. Fritz. 157 Es waren dies Dr. Rudolf Rath, Dr. Othmar Camuzzi, Dr. Karl Pimat, August Winkler, Dr. Josef Singer und Dr. Franz Hofbauer. WKW, Registratur, Paket 3570/7, Mappe „Liste der Angestellten“, Liste der Angestellten des Präsidiums (Stand mit 18. November 1938) sowie Liste der kommissarisch leitenden Sekretäre. 158 AdR, GA, ZI. 233.959, Kampitsch, Julius; Bezernek, Emst: Zur NS-Machtübemahme in Niederösterreich. Politische, administrative und personelle Aspekte bei der Eingliederung Niederösterreichs in den Verwaltungsaufbau des Dritten Reiches 1938. In: Jahrbuch ftir Landeskunde von Niederösterreich N.F. 50/51 (1984/85), S. 181-205, hier S. 188 f.; Landesgericht für Strafsachen Wien, Aktenlager, Vg la Vr 2708/1945, Kampitsch Julius, Protokoll der Hauptverhandlung vom 21. 5. 1946; Österreichische Zeitung (25. Mai 1946). 159 Exemplarisch: AdR, GA, ZI. 30.934, Herberth, Dr. Ludwig; e b e n d a, ZI. 332.972, Rath, Dr. Rudolf. 160 Exemplarisch: AdR, GA, ZI. 186.203, Hertl, Oswald. 24