Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

EMINGER, Stefan: Gewerblicher Mittelstand in Österreich Zur Zeit der großen Depression. Organisation, Interessenpolitik und politische Mobilität im Gewerbe 1930–1938

Gewerblicher Mittelstand in Österreich 1930 - 1938 Insbesondere nach dem Juliabkommen von 1936 versuchten die illegalen National­sozialisten auch Boykottaktionen gegen regimetreue Geschäftsinhaber durchzufiih- ren. Gestützt auf Vorfeldorganisationen wie den „Bund der Reichsdeutschen in Österreich“, den „Deutschen und Österreichischen Alpenverein“ sowie in Zusam­menarbeit mit deutschen Reisebüros gelang es, den Tourismusverkehr aus Hitler- Deutschland überwiegend nationalsozialistisch geführten Fremdenverkehrsbetrieben zuzufuhren.161 Für viele „vaterländische“ Gastgewerbetreibende, die in das Juliab­kommen große Erwartungen gesetzt hatten, gerieten die Auswirkungen dieses Ab­kommens u. a. auch deshalb zu einer herben Enttäuschung.162 Gewerbepolitik im Austrofaschismus Führende Vertreter der bürgerlichen Diktatur waren mit dem Anspruch aufgetre­ten, in der geplanten Wirtschaftspolitik der neuen Ära gewerbefreundliche Maß­nahmen nachgerade ins Zentrum zu rücken. So betonte etwa Bundeskanzler Schu­schnigg in einer programmatischen Rede anläßlich der Verabschiedung des Gewer­bebundgesetzes im März 1935 die zentrale Bedeutung des „Mittelstandes“ bzw. des Gewerbes für die österreichische Wirtschaft: Wer von uns ist sich nicht darüber im klaren, daß das wirklich große soziale und wirt­schaftliche Unglück der Nachkriegszeit im Verlust und Niedergang unseres österreichi­schen Mittelstandes gelegen war. Eine richtige, die Gesamtinteressen überschauende und umfassende Wirtschaftspolitik im neuen Österreich wird immer und in erster Linie ir­gendwie eine Mittelstandspolitik sein müssen. Daher liegt es auf der Hand, daß Wohl und Wehe des neuen Staates [...] aufs engste [...] verbunden sind mit einer richtigen, ver­nünftigen Gewerbepolitik, die stets eine richtige und vernünftige Mittelstandspolitik sein wird.1“ Zwischen März 1933 und Dezember 1934 wurden tatsächlich mehrere, zum Teil recht weitreichende Schutzmaßnahmen für das Gewerbe verabschiedet. Per Notver­ordnung wurden u. a. eine allgemeine Gewerbesperre erlassen, Verkaufsbeschrän­kungen für die Schuhindustrie und für Großwarenhäuser, ein Verbot von Einheits­preisgeschäften sowie auch die lang erwartete Gewerbeordnungsnovelle. Die Gültig­keit dieser Bestimmungen war zumeist befristet.164 AdR, BKA/Zeitgeschichtliche Sammlung, Mappe 37.3., ZI. 361.498-St.B., Kt. 5, Lagebericht über den Monat September 1936; Ebenda, ZI. 368.393-St.B., Kt. 5, Lagebericht Oktober 1936; Ebenda, Mappe 37.4., ZI. 354.013-St.B., Kt. 5, Lagebericht August 1937; AdR, BKA/Allg., SR, Sign. 22/gen., GZ 316.699/1937, Kt. 4993, Nationalsozialistische Propaganda im Deutschen und Österreichischen Alpcn- verein. AdR, BKA/Zeitgeschichtliche Sammlung, Mappe 37.3., ZI. 348.963-St.B., Kt. 5, Lagebericht Juli 1936; Ebenda, Mappe 37.4., ZI. 344.609-St.B., Kt. 5, Lagebericht Juni 1937. WKW, Registratur, Paket 2222, Zeitungsausschnitte und Zeitungen, Österreichischer Gewerbebund. Berufsorganisation der Vaterländischen Front, Informationsblatt Nr. 2, März 1935; vgl. auch Haas: Wirtschaftsverbände und Ständestaat, S. 337, Anm. 33. Die Maßnahmen der Bundesregierung für Handel und Gewerbe, hrsg. vom Österreichischen Heimatdienst. Wien [1934]; Eminger: Gewerbepolitik, S. 101-103; Matti: Gewer­beproteste, S. 58. 25

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