Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

EMINGER, Stefan: Gewerblicher Mittelstand in Österreich Zur Zeit der großen Depression. Organisation, Interessenpolitik und politische Mobilität im Gewerbe 1930–1938

Gewerblicher Mittelstand in Österreich 1930 - 1938 fällen fanden jüdische Gewerbetreibende Aufnahme in die Wiener und niederöster­reichischen Verbände des ÖGWB. Von einer allfälligen Berücksichtigung bei der Vergabe öffentlicher Aufträge waren jüdische Gewerbetreibende daher zumeist von vornherein ausgenommen,146 und auch im umfangreichen Angestelltenapparat des „Bundes der österreichischen Gewerbetreibenden“ fand sich keine einzige Person jüdischen Glaubens.147 Neben dem integrativen Einsatz des Antisemitismus trachtete der ÖGWB die weit verbreitete Judenfeindlichkeit im Gewerbe auch als Ventil zur Ableitung der durch die Auswirkungen der Neuorganisation beförderten antigroßbe­trieblichen Tendenzen zu instrumentalisieren. Beispielhaft dafür war die Kampagne des ÖGWB gegen das Wiener Großwarenhaus Julius Krupnik im Herbst 1936.148 Sie leitete eine Welle verstärkter antisemitischer Propaganda im Gewerbe ein, die bis hin zum „Anschluß“ nicht mehr abebben sollte. Für das nationalsozialistisch orientierte Gewerbe dürfte es nach der Auflösung des erwähnten „Kaufmännischen Interessenverbandes“ im Mai 1934 erst wieder seit Sommer 1937 straffere organisatorische Strukturen gegeben haben. Zu dieser Zeit wurde der „Gewerbering“ revitalisiert.149 Gegen Ende des Jahres 1937 existierte dann eine Art Doppelstruktur, da der legal bestehende, ehemals der Großdeutschen Volks­partei nahestehende „Deutsche Handels- und Gewerbeverein“ unter Dr. Emst Ham­pel fortan als nationalsozialistische Tarnorganisation diente.150 In Oberösterreich fungierte während der bürgerlichen Diktatur der Oberösterreichische Gewerbeverein als Sammelbecken nationalsozialistisch orientierter Gewerbetreibender.151 Darüber hinaus waren die Nationalsozialisten um die Unterwanderung der regime­treuen Interessenvertretungen bemüht. Bereits 1934 war es gelungen, mehrere Ver­trauensleute in der Wirtschaftsabteilung des Heimatschutzes zu plazieren,152 und Nationalsozialisten waren auch als Funktionäre in den austrofaschistischen Gewer­bebünden vertreten. Als „Nazi-Innung“ galt etwa die Gast- und Schankgewerbein­nung.153 Zurückzufiihren war diese Etikettiemng auf die dominierende Stellung na­tionalsozialistischer Parteigänger im Fachausschuß für das Hotel- und Fremdenbe­herbergungsgewerbe, wohingegen die Fachvertretungen der Gastwirte oder des Kaf­feehausgewerbes eine derartige Prägung nicht aufwiesen. Parteimitglieder sowie Sympathisanten der NSDAP fanden sich zudem in den Innungsleitungen der Chemi­146 Neue Freie Presse (27. Oktober 1935), S. 8; Der Ge werbebündler. Offizielles Organ der Vaterländischen Front Landesgruppe Niederösterreich des Gewerbebundes 1 (15. Februar 1937), S. 1; Die Wahrheit; 52 (7. Februar 1936), S. 6; ebenda 53 (12. November 1937), S. 1. 147 WKW, Registratur, Paket E 38.615, Mappe Weike, Bericht über die Wirtschaftsorganisationen in Öster­reich vom 14. 4. 1938 an das Reichs- und Preussische Wirtschaftsministerium, Anlage B: Die österreichi­schen Bünde. 148 ÖGZ 47 (14. November 1936), S. 1; Reichspost (23. November 1936), S. 2 f.; Nachrichten der Stadtgruppe Wien des österreichischen Gewerbebundes 1 (15. Dezember 1936), S. 3. 149 AdR, GA, ZI. 39.545, Stolle, Alfred. 150 AdR, Stillhaltekommissar für Organisationen, Verbände und Vereine [Stiko] Wien, Sign. 4 ABC I, 6, Einzelschlußbericht 111; Deutscher Handels- und Gewerbeverein; AdR, GA, ZI. 28.304, Ziegler Harald. 151 AdR, Stiko Wien, Sign. 4 ABC II, 1, Aktenschlußblatt, Öberösterreichischer Gewerbeverein. 152 AdR, GA, ZI. 30.257, Orgelmeister Gustav; ebenda, ZI. 332.972, Rath, Dr. Rudolf. 153 Gewerbliche Nachrichtenzentrale (20. Mai 1938), S. 2. 23

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