Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LEBENSAFT, Elisabeth – MENTSCHL, Christoph: Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company. Ein Beitrag österreichischer Flüchtlinge im Kampf gegen NS-Deutschland, dargestellt nach britischen Quellen

Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company Angesichts des langen Hin und Hers um die Abstellung der „Mietobjekte“ Presta- taires stellt sich natürlich abschließend die Frage, ob und wie diese zusätzlichen Arbeitskräfte von den Engländern eingesetzt wurden. Da die War Diaries der briti­schen Prestataires-Einheiten, soweit überhaupt erhalten81, meist wenig aussagekräftig sind, kann eine ungefähre Vorstellung nur anhand von Berichten Betroffener vermit­telt werden. Das bereits oben erwähnte zentrale Ausbildungslager der B.E.F., in das die Presta- taires eingezogen wurden, befand sich, nach Jenauth „sehr romantisch zwischen Kiefernwäldern gelegen“82, im Departement Sarthe in Mulsanne bei Le Mans. Die nunmehr unter englischem Kommando stehenden Prestataires wurden mit „Drillich- Uniformen“ nebst Stahlhelmen, Gasmasken etc. „und als Ausgehmontur sandfarbene Schnürlsamtanzüge [.,.]“83 ausgerüstet und in den ersten Tagen „in den Grundbe­griffen des britischen Exerzier-Reglements unterrichtet“84 85. Während die Aufgaben der erforderlichen labour von den Engländern generell folgendermaßen definiert wurde: „[...] not only is more dock labour needed, but the development of the lines of com­munication, the constructions of depots aerodromes and reserve defences, the improve­ment of road and rail communications , so reichte der tatsächliche Einsatz der Prestataires von wichtigen strategisch­infrastrukturellen Bautätigkeiten, wie dem Bahnhofsbau bei Rennes86, dem Bau einer neuen Eisenbahnlinie bei Ermitage in der Bretagne87, dem Anlegen von Flughäfen88 etc., bis zu banalen, als wenig sinnvoll empfundenen Verrichtungen wie dem Sortie­ren von Toilettenpapier89. Besser scheinen es diejenigen getroffen zu haben, die mit profunden Englischkenntnissen aufwarten konnten und, wie etwa Thalberg als Adju­tant eines Majors in St. Nazaire, von den Briten für Verwaltungsaufgaben herange­zogen wurden90. Die meisten der an die Briten überstellten Prestataires empfanden jedenfalls den Wechsel als Verbesserung ihrer Situation und gaben vorwiegend positive Eindrücke aus dieser Zeit wieder: So fühlten sie sich, ganz abgesehen davon, daß, nach Anga­ben Thalbergs, Verpflegung und Unterbringung zumindest in Mulsanne sehr gut 81 Etwa die War Diaries der hauptsächlich in St. Nazaire und Umgebung eingesetzten 706 Foreign Labour Coy [Company] vom Mai/Juni 1940 (PRO, W0167/1343). 82 Jenauth: Ich hatte mir das alles leichter vorgestellt, S. 202. 83 Ebenda, S. 202. 84 Thal berg: Von der Kunst, S. 92. 85 PRO, WO 163/49, Dokument O.S. 5: „Draft Cabinet paper ... on the Employment of 18- and 19-year- olds as Labour Overseas“, undatiert. 86 Interview Escher, 29. 11. 1993, Transkription, S. 1. 87 Jenauth: Ich hatte mir das alles leichter vorgestellt, S. 202: „Wir haben dort eine Eisenbahnlinie gebaut, die eine Verbindung zur Haupteisenbahnlinie herstellen sollte, denn die Engländer hatten große Depots geplant, Munitions- und Lebensmitteldepots, Versorgungsbasen eben. Wir waren natürlich mit Eifer bei der Sache.“ 88 PRO 371/24306, S. 166: „German and other Refugees in France“, 17. 4. 1940. 89 Frucht: Verlustanzeige, S. 163. 90 Thalberg: Von der Kunst, S. 95. 101

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