Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LEBENSAFT, Elisabeth – MENTSCHL, Christoph: Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company. Ein Beitrag österreichischer Flüchtlinge im Kampf gegen NS-Deutschland, dargestellt nach britischen Quellen

Elisabeth Lebensaft und Christoph Mentschl gewesen sein dürften, korrekter behandelt, wie wiederum nicht nur Thalberg betont, sondern auch aus der Erinnerung Jenauths an das Lager Mulsanne hervorgeht: „Als wir einmarschierten, präsentierte die Torwache das Gewehr, was uns ein bißerl mit Stolz erfüllte, weil wir offenbar endlich als Ebenbürtige anerkannt wurden“9', und auch Schatzberger hebt hervor: „In der britischen Armee wurden wir als Men­schen und Gleichberechtigte behandelt“91 92. Anderseits gab es britische Soldaten, die, „vielleicht nur, um uns zu ärgern, Hakenkreuze an die staubigen Fenster kritzel­ten“93. Dazu kam natürlich auch die Erwartung vieler der Männer, an der Seite der Briten aktiver - und auch sinnvoller eingesetzt als bei den Franzosen - am Kriegsgesche­hen mitwirken zu können, ebenso wie die Hoffnung, notfalls gemeinsam mit den Briten die „Falle“ Europa verlassen zu können94. Daß diese Hoffnung, nämlich im Zuge der britischen Evakuierungsmaßnahmen nach Großbritannien mitgenommen zu werden, nicht aufgehen konnte, wird aus unserer heutigen Kenntnis des Vertrags­textes deutlich. So wurden die österreichischen und deutschen Prestataires, Flücht­linge vor dem Nationalsozialismus und aufs äußerste gefährdet, nicht nur von den über den Kanal setzenden britischen Truppen zurückgelassen, sondern, entsprechend dem Text des Abkommens, wieder unter französischen Befehl rücküberstellt, ein Vorgang, der sich bei den verschiedenen Truppeneinheiten offensichtlich nur in Details unterschied95. Und dies, obwohl man von offizieller britischer Seite sehr wohl die Konsequenzen dieser Vorgangsweise abschätzen konnte: „These poor devils of anti-Nazi refugees who were placed in internment are in the greatest danger of again falling into Nazi hands“96. Ob es für die Engländer angesichts der kriegerischen Ereignisse einen anderen Weg gegeben hätte, ob, abgesehen von der rechtlichen Frage und den französischen Rückforderungen, überhaupt die britischen Kapazitäten ausgereicht hätten, neben den eigenen Truppen und denen der Verbündeten, also nicht nur Franzosen, sondern auch Tschechen und Polen, im Rahmen der Operationen Dynamo (die am Abend des 26. Mai anbefohlene Evakuierung der Soldaten aus Dünkirchen) und Ariel (die zeit­lich darauf folgenden Evakuierungen aus den südlichen Hafenstädten der Atlantik­küste) auch die Prestataires mitzunehmen, darüber können heute nur noch Spekula­tionen angestellt werden. 91 Jenauth: Ich hatte mir das alles leichter vorgestellt, S. 202 (Hervorhebung durch die Verfasser). 92 Schatzberger, Von der Sahara. Vgl. dazu auch Thalberg, Von der Kunst, S. 95: „... ich hatte das Gefühl seit langer Zeit wieder einmal als Mensch behandelt zu werden.“ 93 Frucht: Verlustanzeige, S. 163. Dies wird besonders deutlich, wenn man die noch nach Jahren enttäuschten Reaktionen darüber, von den Engländern zurückgelassen worden zu sein, in Betracht zieht, etwa im Interview mit Dr. Thalberg, 31. Mai 1994, oder bei Jenauth: Ich hatte mir das alles leichter vorgestellt, S. 203: „Wir waren sprachlos, erschüttert“, bzw. Thalberg: Von der Kunst, S. 97: „Es war eine niederschmetternde Nach­richt für viele der Leute“. 95 Vgl. dazu die diversen Schilderungen der Zeitzeugen, die zum Teil verarbeitet sind in Lebensaft - Mentschl:,,... und aufregend war das Leben“, S. 22 f. 96 Zitiert ebenda, S. 22, Anm. 114. 102

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