Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LEBENSAFT, Elisabeth – MENTSCHL, Christoph: Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company. Ein Beitrag österreichischer Flüchtlinge im Kampf gegen NS-Deutschland, dargestellt nach britischen Quellen
Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company „agreement [ . . .] of very minor importance“ handelte54, waren dem endgültigen Abschluß langwierige Verhandlungen („lengthy negotiations“55) zwischen den Vertretern der beiden Kriegsministerien, des War Office und des Ministére de la Défense nationale et de la Guerre56, vorangegangen. Bereits Ende Februar 1940 lag der anläßlich des Besuches einer britischen Militärdelegation in Paris erarbeitete Entwurf vor, der jedoch erst nach mehr als eineinhalbmonatiger Verzögerung unterzeichnungsfertig war. Diese Verzögerung war in erster Linie bedingt durch beiderseitige Änderungswünsche am Text - so wurde etwa in der endgültigen Fassung der Begriff „Concentration Camp“ in Absatz 1 gegenüber vorhergehenden Fassungen, in denen es noch „German nationals who were placed in Concentration Camps at the beginning of the war and who are liable for the services [...]“ hieß, eliminiert57. Auch Diskussionen über die Form des Abschlusses (britischerseits war, wohl weil die Franzosen auf einem formellen Vertragswerk bestanden58, das Foreign Office eingeschaltet worden) trugen nicht gerade zur Beschleunigung bei. Die relativ lange Zeitspanne, die benötigt wurde, um die Mühlen des bürokratischen Apparates zu überwinden, ist besonders angesichts der brisanten militärischen Lage in Westeuropa auffallend, ließen doch der drohende deutsche Angriff und die von britischer Seite mehrfach betonte mangelhafte Infrastruktur in Frankreich in den Monaten des „Sitzkrieges“ die rasche Bereitstellung zusätzlicher Arbeitskräfte so dringlich erscheinen, daß sich etwa der director des Auxiliary Military Pioneer Corps (A.M.P.C.) im War Office, General Maxwell Amps-selbst offensichtlich einer der Mitverhandler -, in einer verärgerten, wenn auch etwas überzogenen Reaktion auf die dilatorische Vorgangsweise sogar dazu verstieg, „the fate of the war“ von der schnellen Übergabe der Prestataires an die britischen Streitkräfte abhängig zu machen59. Am Rande sei erwähnt, daß man trotzdem im Foreign Office Bedenken hatte, das Abkommen international publik zu machen. Wie Ward ausdrückte, wären damit nicht nur die Probleme der Briten in Bezug auf die Arbeitskräfte offenkundig geworden, sondern man liefe auch Gefahr, der deutschen Propaganda Munition zu liefern: „... the fact that we have been obliged to borrow from the French forced labour of 5 000 German internees is a fact upon which Lord Haw-Haw and his like would seize with alacrity to besmirch us in the German propaganda campaign“. Auch die Franzosen dürften eher gegen eine Publizierung gewesen sein.-Vgl. ebenda, S. 164: Minute J. G. Ward, FO, 24. 4. 1940, und S. 175: J. G. Ward, FO, an H. E. Smith, WO, 1. 5. 1940. Hinter Lord Haw-Haw verbarg sich der britische Nazi irisch-deutscher Herkunft William Joyce, der in nationalsozialistischen Propagandasendungen, die nach England ausgestrahlt wurden, zum Einsatz kam. - Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 572. 55 PRO, FO 371/24325, S. 120: Lambert, WO, an Under-Secretary of State, FO, 25. 2. 1940. 56 Leider konnten trotz aufwendiger Suche in den Beständen des War Office keine Unterlagen zu diesen Verhandlungen gefunden werden. 57 PRO, FO 371/24325, S. 163: Minute J. G. Ward, FO, 20. 4. 1940, sowie ebenda, S. 144: „Revised Memorandum of agreement“, undatiert [vor 14. 3. 1940], 58 Die ursprünglich vorgesehene Unterzeichnung auf lediglich militärischer Ebene wurde bald verworfen. Anfang März sprach sich der britische Außenminister Halifax allerdings gegen ein formelles bilaterales Abkommen aus und trat für einen - später auch tatsächlich durchgefuhrten - Notenaustausch ein (ebenda, S. 130:1. Kirkpatrick, FO, an Under-Secretary of State, WO, 8. 3. 1940). 59 Ebenda, S. 125: Minute J. G. Ward, FO, 8. 3. 1940. 97