Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)
HÖDL, Sabine: Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden. Zur Geschichte der Juden in Niederösterreich von 1420 bis 1555
Sabine Hödl auch die niederösterreichischen Juden nicht verschont blieben, entwickelt. 1420 zog Herzog Albrecht V. (1411-1439) auf einen Kreuzzug gegen die Hussiten, davor ließ er jedoch noch sämtliche Juden des Herzogtums Österreich gefangennehmen. Während seiner Abwesenheit wurden die ärmeren bzw. weniger angesehenen Juden, nachdem ihnen ihr Geld genommen und die ausständigen Pfandschulden eingefordert worden waren, auf ruderlosen Schiffen auf der Donau ausgesetzt. Die Schilfe trieben Donau abwärts nach Ungarn und wurden bei Preßburg ans Ufer geschwemmt. Leute des Herzogs hatten die Schiffe zu Pferd verfolgt und versuchten bei der Ankunft, die Juden noch einmal, wie schon bei ihrer Gefangennahme, zur Taufe zu überreden, was jedoch erfolglos blieb. Die betroffenen Juden siedelten sich in der Folge mit Bewilligung Kaiser Sigmunds in Ungarn und Mähren an. Die reichen bzw. angeseheneren Juden, die sich dem Taufdruck ebenso widersetzten, wurden in Wien gefangen gehalten und gefoltert, um sie zur Herausgabe ihrer Besitztümer bzw. zur Bekanntgabe ihrer versteckt geglaubten Gelder zu bewegen. Nach einer zeitgenössischen Schilderung begingen im Winter 1420/21 etwa 150 Juden in der Synagoge, in der sie gefangen gehalten und bewacht wurden, am Tag des Laubhüttenfestes Selbstmord (kiddusch ha-schem). Durch Los wurde entschieden, daß ein gewisser Rabbi Jona die rituelle Schächtung vornehmen sollte. Nach Vollziehung dieser Tat legte er Feuer in der Synagoge, in dem er selbst umkam. Die noch in Wien verbliebenen Juden-etwa 200-wurden im Frühjahr 1420/21 auf einer Wiese in Erdberg verbrannt. Laut christlichen Quellen suchten danach noch Schaulustige nach Münzen, die die Juden vermeintlich bei sich gehabt hätten. Die Wiener Synagoge, deren Fundamente 1995 bei Ausgrabungen entdeckt wurden, wurde im Zuge der Ereignisse zerstört. Ihre Steine wurden zum Bau der Wiener Universität verwendet. Der Nutzen für den Herzog aus dieser Vertreibung war äußerst gering, deckten doch zum Beispiel die Gesamteinnahmen aus den Häuserverkäufen nur die Judensteuer der folgenden drei Jahre. Die Rechtfertigung für die Geschehnisse lag in einer angeblichen Zusammenarbeit der Juden mit den Hussiten, bei der es auch zu Waffenlieferungen gekommen sein soll. Bereits 1419 war an der theologischen Fakultät der Universität Wien über die confederacio der Juden, Hussiten und Waldenser beraten worden. Im Zuge dieser Beratungen waren auch die große Zahl der Juden, ihr Lebensstandard und ihre gotteslästerlichen Bücher negativ hervorgehoben worden. Da diese Vorwürfe, vor allem jener der Kollaboration mit den Hussiten, jedoch nur eine Ausweisung gerechtfertigt hätten, wurde das Verbrechen einer angeblichen Hostienschändung in Enns im nachhinein konstruiert und den Juden angelastet. Im Zuge der Ereignisse waren im übrigen auch Zwangstaufen an Kindern vollzogen worden. Diese Handlung rief sowohl auf jüdischer als auch auf christlicher Seite Empörung hervor. Papst Martin V. forderte von Albrecht V. eine Klarstellung über die „Freiwilligkeit“ dieser Taufen, außerdem ordnete er mit der Bulle Licet Judaeorum für die Zukunft an, daß in den Ländern des österreichischen Herzogs und 274