Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)
EDEL, Andreas: Johann Baptist Weber (1526–1584). Zum Lebensweg eines gelehrten Juristen und Spitzenbeamten im 16. Jahrhundert
ren lehrten50. Eine Entscheidung für Ingolstadt wegen möglicher Vorbehalte gegen die neue Lehre lag insofern nur vordergründig nahe. Da Aufzeichnungen über die Studienzeit Webers in Ingolstadt fehlen - in den Akten der Juristischen Fakultät erscheint er erst nach seiner Berufung als Ordinarius an die Hochschule 1549 kann nur spekuliert werden, welche Einflüsse und Erfahrungen ihn dort prägten. In den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts lehrten bedeutende und über weitreichende internationale Verbindungen verfügende Juristen an der Ingolstädter Alma, wie die aus den Niederlanden stammenden Kanonisten Viglius Aytta van Zwichem und Nikolaus Everhard genannt Frisius, die zugleich hervorragende Beziehungen zum kaiserlichen Hof bzw. zum bayerischen Herzogshof hatten51. Aytta, der zu diesem Zeitpunkt bereits einer der führenden Rechtsgelehrten in Europa war, machte später eine Karriere in der Verwaltung der Niederlande, die ihn in höchste Positionen führte - die insofern aber auch der künftigen Laufbahn Webers nicht unähnlich war, als dieser ebenfalls über eine Professur in Ingolstadt in herzoglich-bayerische bzw. kaiserliche Dienste gelangte. Im übrigen nutzte Aytta seine Verbindungen, um Studenten der Universität zu fördern. So kam der spätere Reichsvizekanzler Dr. Georg Sigmund Seid, der sich 1531 in Ingolstadt immatrikuliert hatte, wahrscheinlich durch eine Empfehlung Ayttas an den Wiener Hof52 53. Einen herausragenden Ruf hatten auch die an der bayerischen Landesuniversität lehrenden Zivilisten Fabius Arcas und Wolfgang Hunger - letzterer ein Schüler des berühmten Freiburger Juristen Ulrich Zasius”. Auf die Intensität der Studien Webers in Ingolstadt läßt sich freilich allein aus der Gegenwart bedeutender Rechtsgelehrter oder später namhafter Juristen in der Universitätsstadt nicht schließen. Webers enger Studienfreund Hieronymus Fröschel, der ihn in seiner Chronik als seinen „Praeceptor“ bezeichnete, berichtete jedenfalls vom unsteten Lebenswandel vieler Ingolstädter Studenten und beteiligte sich auch selbst an den üblichen Zechtouren und Schlägereien. Dies läßt vermuten, daß Webers Umgang den weniger ernsthaften Formen studentischen Lebens durchaus nicht abgeneigt war54. Andererseits könnte die allseits anerkannte Kompetenz Webers, die ihm eine relativ schnelle Karriere ermöglichte, darauf hinweisen, daß er diesen Umtrieben doch ferner gestanden hatte als mancher seiner Kommilitonen. Im übrigen ist es bemerkenswert, daß es dem Katholiken Weber offensichtlich keine Probleme bereitete, mit dem Protestanten Fröschel und wohl auch anderen Studenten aus neugläubigen Familien intensiven Kontakt zu pflegen. In der gemeinsaJohann Baptist Weber (1526-1584). Zum Lebensweg eines gelehrten Juristen 50 Wolff, Helmut: Geschichte der Ingolstädter Juristenfakultät 1472-1625. Berlin 1973 (Ludovico Ma- ximilianea. Universität Ingolstadt-Landshut-München, Forschungen 5), S. 190. 51 Vgl. hierzu meine Beiträge in: Catalogus Professorum der Universität Ingolstadt- Landshut-München, lirsg. von Laetitia Boehm [u. a.]. Bd. 1. Berlin [im Druck]. 52 Vgl. Kohler, Alfred: Zur Bedeutung der Juristen im Regierungssystem der „Monarchia universalis“ Kaiser Karls V. In: S c h n u r: Juristen, S. 649-674, hier S. 672. 53 Vgl. hierzu Wolff: Juristenfakultät, S. 42; die umfangreiche biographische Literatur zu Wolfgang Hunger(geb. 1511, gest. 1555) in: Deutsches Biographisches Archiv [DBA]. 54 Roth, Friedrich: Der Augsburger Jurist Dr. Hieronymus Fröschel und seine Hauschronik von 1528— 1600. In: ZHV Schwaben 38 (1912), S. 1-82, hier S. 8. 119