Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Jürgen Angelow existierten seit 1884 Absprachen zwischen dem k. u. k. Militär-Ökonomiedepartement und dem preußischen Allgemeinen Kriegsdepartement über die Nahrungsmittelversorgung im Krieg, die 1892 und 1906 in Vereinbarungen zwischen beiden Ministerien einmündeten131. Verhandlungen zur Ausweitung der militärischen Zusammenarbeit auf den Rüstungssektor mit dem Ziel einer Vereinheitlichung der Bewaffnung, wurden erst während des Krieges im Zusammenhang mit der Erörterung mitteleuropäischer Projekte für die Zeit nach dem Krieg im Oktober 1916 in Wien aufgenommen. In ihnen ging es um eine Vereinheitlichung der Artilleriebewaffnung, des Truppen- und Trainfcldgeräts, aber auch um gesonderte Themenkreise wie Giftgas, Sprengstoffe, Zünder, Geschosse und Patronen, Artillerie- und Flakmeßwesen, Fahrzeugwesen sowie Waffenlieferungen an befreundete Staaten152. Die Verhandlungen wurden bis 1918 lediglich dilatorisch geführt. Sie zielten auf Maßnahmen zur Vereinheitlichung der Artilleriemunition und die Produktion eines einheitlichen Feldgeschützes in beiden Monarchien erst nach dem Krieg hin. Im Zuge der Kontakte beider Generalstäbe nach 1909 war es lediglich zur Akzeptanz des politisch eingleisigen Schlieffenplanes durch Österreich-Ungarn sowie der österreichisch-ungarischen Kriegsplanung gegen Serbien durch Deutschland gekommen. Die Absprachen zeigten einen gravierenden Mangel an Verantwortung bei Moltke d. I, der Conrad am 19. März 1909 eine deutsche Offensive im Osten mit unterlegenen Kräften versprach153. Conrad basierte alle seine künftigen Entscheidungen auf diese Zusage, die er sich immer wieder bestätigen ließ, die aber von Moltke d. J. bei Kriegsbeginn zurückgezogen wurde. Deshalb glaubte Conrad vor Kriegsbeginn auch, den Rücken für Pläne gegen Serbien und Italien frei zu haben, zumal ihm Moltke d. J. zusätzlich noch die Verlegung starker deutscher Verbände von West nach Ost innerhalb von sechs Wochen nach Beginn des Unternehmens in Frankreich versprach. Conrad akzeptierte, daß das Schwergewicht der deutschen Planung im Westen lag, andererseits hatte Moltke d. J. die Offensive im Osten zur Entlastung des österreichisch-ungarischen Angriffs fest zugesagt. Nur unter dieser Bedingung waren nämlich die Verbündeten zu einer Offensive in Galizien zu bewegen, ganz gleich, ob sie bereits in Serbien gebunden sein würden oder nicht. Diese OffenVgl. Der Weltkrieg 1914-1918. Kriegsrüstung und Kriegswirtschaft, bearb. im Reichsarchiv. Anlagen zu Bd. 1. Berlin 1930, S. 197-205, S. 207 f. B Arch MA Freiburg i. Br., PH 2, 85 (Wiener Besprechungen zur Vereinheitlichung der Bewaffnung, 1917-1918). KA Wien, Generalstab, Operationsbüro, Fasz. 737, fol. 258-261, hier föl. 260v, Helmuth von Moltke d. J. an Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf. Berlin, 19. März 1909: „Ein solcher deutscher Angriff mit schwachen Kräften hat allerdings große Schwierigkeiten zu überwinden. Er ist in der rechten Flanke durch Warschau, in der linken durch Gegenangriffe von Lomza her bedroht. Dennoch werde ich nicht zögern, den Angriff zu machen, um die gleichzeitige österreichische Offensive zu unterstützen. Eure Exzellenz können sich auf diese Zusage, die reiflich überlegt ist, voll verlassen. Bedingung dabei ist, daß die Bewegungen der Verbündeten gleichzeitig angesetzt und unbedingt durchgefuhrt werden ..." vgl. auch Stone: Moltke and Conrad, p. 222-251, hier p. 229. 70