Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung sive war wiederum für Moltkc d. J. wichtig, denn im Falle einer Defensive der Donaumonarchie an der Karpatenfront stand Berlin einem russischen Angriff gegenüber schutzlos offen, da die Masse der deutschen Truppen im Osten östlich von Königsberg disloziert waren. Mit der Zusage einer Offensive gegen Rußland hatte aber auch Conrad dem deutschen Verbündeten Hoffnungen gemacht, deren Einlösung - wie ein Blick auf die Praxis des österreichisch-ungarischen Aufmarsches von 1914 beweist - im Ernstfall nicht beabsichtigt war. Somit machten beide Verbündete Versprechungen, die schließlich ab August 1914 umgangen wurden. Die Deutschen griffen nicht von Ostpreußen aus an, konnten aber bei Tannenberg einen Defensiverfolg verbuchen. Die Österreicher-Ungarn wollten eigentlich erst die Serben schlagen, mußten aber alle bereits eingeleiteten Pläne umstoßen und ihre Angriffstruppen nach Galizien schicken, wo sie zwar Berlin deckten, aber die Niederlage der „A-Staffel“ in Galizien nicht mehr verhindern konnten. Jeder der beiden Partner glaubte den anderen zu benötigen, um eigene, politisch intendierte Ziele durchzusetzen. Jedoch ging das Konzept dieser wechselseitigen Instrumentalisierung der militärischen Ressourcen des Verbündeten 1914 nicht auf. Die Haltung des italienischen und des rumänischen Bündnispartners bildeten weitere Probleme der Koalitionskriegsvorbereitung154. Bereits frühzeitig wurde die Mitwirkung beider - trotz andauernder militärischer Kontakte - sehr skeptisch beurteilt. Im Januar 1910 rechneten weder Moltke noch Conrad mit Italien. Unter den reichsdeutschen Politikern galt Italien zumindest seit 1906 als ein unsicherer Kantonist. Mehr als unsicher war auch die Haltung Rumäniens, das seit dem Vertrag von 1883 an den Zweibund gebunden war, aber in den Balkankriegen 1912/13 die Seiten wechselte. Conrad hatte sich im Frühjahr 1914 mit dem Verlust Rumäniens abgefunden und am 25. März 1914 in einem Vortrag vor Kaiser Franz Joseph I. sogar für eine „energische Aktion“ gegen die „treulosen“ Rumänen plädiert155. Seit der Aufnahme von Kontakten zwischen dem deutschen und dem österreichisch-ungarischen Generalstab wurden die Militärverhandlungen auch unterhalb der Chefebene durch Emmissäre und weiterhin durch die Militärattaches geführt, die zwar formal den Auswärtigen Ämtern unterstanden, jedoch - oft an ihnen vorbei - einen regen privaten Briefwechsel mit den Generalstabschefs führten156. Die Kontakte zwischen den Generalstäben liefen also weitgehend abgekoppelt von der Politik und wurden von der Autorität der Gcneralslabschefs gedeckt. Im Deutschen Reich war der Posten des Generalstabschefs mit dem Immediatrecht ausgestattet. So bestand für die politische Leitung keine MögZu den Bündnispartnern Italien und Rumänien siehe Stone: Moltke and Conrad, p. 230-232. 155 KA Wien, B/1450, 101, fol. 157-161. (Vortrag Franz Freiherr Conrad von Hötzendorfs an Franz Joseph I., 25. März 1914). 156 Zum Problem dieser ,militärischen Nebendiplomatie4 vor allem zur Zeit Waldersees siehe Ritter, Gerhard: Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des Militarismus4 in Deutschland. Bd. 2. München 1960, S. 159-163. 71