Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Jürgen Angelow vielen Seiten zu große Ziele gesetzt. Dem deutschen Generalstab waren diese Probleme bekannt, er opponierte aber nicht, da er die - weder rechnerisch noch praktisch mögliche - blitzartige Niederwerfung Serbiens durch Österreich- Ungarn erwartete und zumindest von einer diplomatischen Neutralisierung Italiens ausging. Auch in diesem Punkt haben Wunschbilder den Blick der Generalstäbler für die Realitäten verstellt. Die Beherrschbarkeit übcrkomplexer Planungssysteme war schon in Friedenszeiten - unter „Laborbedingungen“ - schwierig, da sich mehrere dynamische Parameter nicht endlos variieren ließen. Die Aufmarschplanung mußte daher vage bleiben. Sie beschränkte sich auf die Eröffnungszüge eines Krieges. Die zunehmende Komplexität seines weiteren Verlaufs schloß sichere Berechnungen aus. Zwar hatte Moltke d. Ä. den auch von Conrad geteilten Standpunkt vertreten, kein Operationsplan könne weit über das erste Zusammentreffen mit den gegnerischen Kräften hinausreichen139, in der Praxis der Aufmarschplanung war gegen diesen Grundsatz jedoch ständig verstoßen worden. Vor das Dilemma gestellt, den Krieg dennoch vorausdenken zu müssen, brachten die Militärs die normative Komponente ins Spiel. Sie orientierten sich an Werten und Leitbildern, die ihnen von der politischen Führung vorgegeben wurden. Diese Orientierung führte zu irrationalen Planungen - zu militärischem „best-case“-Denken. Dazu gehörte die Erwartung eines reibungslosen Funktionierens der eigenen operativen Planung im Kriegsfall, die Hoffnung auf Friktionen beim Gegner und auf eine wirksame Entlastung durch den Bündnispartner. Conrad hatte eine flexible Aufmarschplanung ausgearbeitet, um auf die politisch möglichen Komplikationen vorbereitet zu sein140. Die Planung des k. u. k. Genralstabes unterschied sich zwar in ihrer technischen Anlage deutlich von der deutschen, die diese Flexibilität 1914 eingebüßt hatte. Beide Planungen waren jedoch gleichermaßen detailliert und von einer Überanstrengung des militärischen Mittels - der personellen, rüstungswirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen - gekennzeichnet. Conrad benötigte eine Mindestverteidigungsmacht sowohl in Galizien gegen Rußland (30 Divisionen = „A-Staffel“), als auch auf dem Balkan gegen Serbien (10 Divisionen = „Minimalgruppe Balkan“). Diese Verteidigungsstreitkräfte konnten durch die Verwendung zusätzlicher 12 Divisionen („B-Staffel“) in Offensivstreitkräfte umgewandelt werden. Je nach dem, wo der Schwerpunkt gesetzt werden sollte, würden sie entweder zur Vernichtung Serbiens oder für eine starke Offensive gegen Rußland benutzt. Die Mobilisierung dieser drei Staffeln konnte einzeln oder gemeinsam erfolgen. Das Problem lag nun darin, daß bei einer Teilmobilisierung gegen Serbien und der Konzentration der „Minimalgruppe Balkan“ und der „B-Staffel“ gegen Serbien - auf- * S. Regele, Oskar: Feldmarschall Conrad. Auftrag und Eriiillung 1906-1918. Wien-München 1955, S. 259. Vgl. Stone, Norman: Moltke and Conrad. Relations between the Austro-Hungarian and German General Staffs, 1909-1914. In: Kennedy, Paul M. (Ed.): The War Plans of the Great Powers 1880- 1914. London 1979, p. 222-251, hier p. 225-226. 66