Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung grund schlechter Eisenbahnverbindungen - keine schnelle Rückführung der „B- Staffel“ in Richtung Galizien gegen Rußland erfolgen konnte, wenn Rußland Serbien beistand. Deshalb mußte bei dem von Conrad gewünschten Konflikt mit Serbien die russische Position so schnell wie möglich geklärt werden, weil an­sonsten die „A-Staffel“ allein dem russischen Angriff ausgesetzt war. Conrad versuchte das Problem zu minimieren, indem er die Deutschen für eine sofortige Offensive im Osten zu gewinnen suchte, die auch versprochen wurde. Deshalb ging der k. u. k. Generalstabschef davon aus, mit den Deutschen zusammen die Offensive gegen Rußland notfalls auch nur mit Hilfe der „A-Staffel“ führen zu können. Die Realität des Aufmarsches vom Juli/August 1914 zeigte schließlich, daß die Erwartung der deutschen Offensive nicht eintrat und die österreichisch­ungarische Armee in Folge dessen falsch disloziert wurde. Außerdem waren die Verbände der A-Staffel von vornherein viel zu schwach, dem Angriff der Russen standzuhalten. Am 25. Juli 1914 um 21.23 Uhr setzte Conrad einen modifizierten Plan „B“ in Kraft, der die Konzentration der „Minimalgruppe Balkan“ sowie der variablen „B-Staffel“ gegen Serbien und gleichzeitig den Einsatz der geringen Verteidi­gungskräfte der „A-Staffel“ gegen Rußland vorsah. Conrad hatte allerdings die „Minimalgruppe Balkan“ durch ein Armeekorps der „B-Staffel“ verstärkt141. Das Ziel dieses Aufmarsches lag in der sofortigen Niederwerfung Serbiens, obwohl der Ausbruch eines Krieg mit Rußland zu diesem Zeitpunkt bereits als nahezu sicher galt. Unter dem Einfluß der erregten Telegramme Moltke d. J. vom 30. Juli, in denen der deutsche Generalstabschef seinen Optimismus, Österreich- Ungarn würde mit Serbien „schnell fertig“ werden, korrigierte und auf einer sofortigen Schwerpunktsetzung der k. u. k. Armee gegen Rußland bestand, ver­suchte Conrad in der Nacht vom 31. Juli zum 1. August die Bewegung gegen Serbien in Richtung Rußland umzudirigieren. Möglich war der Transport der variablen „B-Staffel“ nach Galizien jedoch erst, wenn diese ihre Bestimmungs­orte an der Donaugrenze erreicht haben würde. Im Ergebnis beendeten die va­riablen Kräfte zunächst ihren Balkanaufmarsch und wurden danach vom 6. bis zum 18. August zurückbeordert142. Daraus folgte die vernichtende Niederlage der - im Vertrauen auf einen deutschen Entlastungsangriff - offensiv eingestell­ten „A-Staffel“ gegen die Russen bei Lemberg im September 1914, während sich die „B-Staffel“ noch im Anmarsch befand. Zwar hat Conrad das Fiasko der durch ihn ausgelösten Fehlentscheidung vom 25. Juli später mit „technischen Unvermeidlichkeiten“ entschuldigt143, der tiefere Grund für das Versagen lag jedoch in der bereits dargelegten normativen Komponente mit ihren irrationalen Begleiterscheinungen. J e f á b e k : Potiorek, S. 107 f. Stone: Moltke and Conrad, p. 239-241. Offenbar waren zwei Anweisungen Conrads von 1908/09 zum raschen Übergang von der serbischen zur russischen Aufmarsch vari ante vom Eisenbahnbüro des k. u. k. Generalstabes nicht ausgeiührt worden. D e g r e i f: Operative Planungen des k. u. k. Generalstabes, S. 268 f. 67

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