Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung entwickelten Regionen, insbesondere an der Saar und in Elsaß-Lothringen, zu vermeiden125. Ungeachtet der Tatsache, daß die Erfolgsaussichten des Schlieffenplans unter den Militärs umstritten waren, wurden sie dennoch gegenüber den politischen Entscheidungsträgern nicht realistisch dargestellt. Der Versuch, den begrenzten Kräfteansatz mit den anvisierten Zielen in Übereinstimmung zu bringen, hätte zu einer Korrektur des Kriegsbildes fuhren müssen. Damit wäre die Einsicht verbunden gewesen, daß ein Krieg Mittel und soziale Konfliktpotentiale freisetzen würde, die gar nicht ins Spiel gebracht werden sollten oder beherrschbar waren. Vor allem die Mobilisierung und Bewaffnung der unteren Gesellschaftsschichten konnte das soziale und politische System des Kaisserreichs zum Einsturz bringen126. Bei realistischer Lagebeurteilung wäre die Politik somit vor die Aufgabe gestellt worden, andere Mittel der Konfliktregelung suchen zu müssen, als militärische. Damit wäre das Gewicht der militärischen Elite - einem konservativen Reservat in der Gesellschaft - deutlich reduziert worden. Ihr politischer Einfluß hätte merklich nachgelassen. Jede aggressive Prestigepolitik - auch die Ermunterung des Zweibundpartners Österreich-Ungarn zu einer solchen - hätte in ihrer Chancenlosigkeit vor dem Offenbarungseid gestanden. Indes, diese erdrückenden Tatsachen wurden beiseite geschoben. Sie waren einerseits zu bedeutsam für die Verteidigung der sozialen Stellung und des politischen Einflusses der militärischen Elite in der wilhelminischen Gesellschaft vor 1914. Andererseits hätte ein Abgehen vom Konzept des kurzen Krieges die bedrohlichen Rückwirkungen auf die Gesellschaft im Kriegsfall bereits im Frieden transparent werden lassen. Damit wäre der politische Zweck entfallen, der den Schlieffenplan klar dominierte. „Der Krieg der Zukunft mußte eben kurz sein, oder alles war verloren. So gesehen machte der Schlieffenplan immerhin politisch Sinn, aber eben nicht militärisch“127. Auch aus diesem Grund blieb die deutsche Aufmarschplanung eingleisig auf die sofortige Niederwerfung Frankreichs orientiert. Nach etwa 40 Tagen plante 125 Allgemeine Stellungnahme Helmuth von Moltkc d. J. zum Schlieffenplan (wahrscheinlich 1911) bei Ritter: Schlieffenplan, S. 178-180; zum rüstungspolitischen Argument Ludendorff, Erich: Politik und Kriegführung [1914-1918] 2. Aufl. Berlin 1922, S. 71. 126 Zur ,Soziologie4 des Schlieffenplanes als konservativ-militaristische Strategie zum Zwecke des Erhalts der wilhelminischen Klassengesellschaft im Falle eines Großkrieges Förster, Stig: Der doppelte Militarismus. Die deutsche Heeresrüstungspolitik zwischen Status-quo-Sicherung und Aggression, 1890-1913. Stuttgart 1985, S. 163-165 und derselbe: Der deutsche Generalstab und die Illusion des kurzen Krieges, 1871-1914. Metakritik eines Mythos. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 54 (1995), H. 1, S. 61-95, hier S. 79 f. 127 Förster: Der deutsche Generalstab und die Illusion des kurzen Krieges, S. 80. Der These Stig Försters, daß innerhalb des deutschen Generalstabes vor 1914 nur noch wenige Illusionen auf einen kurzen Krieg bestanden, vermag ich mich - wie den meisten anderen Thesen des zitierten Beitrages - anzuschließen. Allein der von Förster daraus abgeleitete, vorwiegend irrationalen Faktoren folgende Erklärungsversuch für den Kriegsentschluß von 1914 scheint mir dennoch nicht zwingend. M. E. hatte sich im Denken der militärischen Planungselite rationales Kalkül mit irrational-normativen Komponenten verbunden. 61