Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Jürgen Angelow Deutschland seine im Westen frei werdenden Truppen bereits gegen Osten zu führen. Es ist nicht einsichtig, warum Moltke d. J. an dieser unrealistischen Vorstellung bis 1914 festhielt. Bis zum Zeitpunkt des geplanten Rücktransports der Hauptkräfte aus dem Westen sollten lediglich 14 deutsche Divisionen Ost­preußen schützen und ein deutsches Landwehrkorps am linken Flügel der k. u. k. Armee mitkämpfen. Mit diesen geringen Kräften versprach Moltke d. J. dem Zweibundpartner sogar noch eine Offensive gegen die in Polen aufmar­schierenden Russen zu unternehmen. Andere Optionen als den großen West­aufmarsch sah die deutsche Aufmarschplanung 1914 nicht mehr vor, nachdem Moltke d. J. 1913 den daneben existierenden „Großen Ostaufmarsch“ - wahr­scheinlich ohne Kenntnis der politischen Führung - fallengelassen hatte. Der „Große Ostaufmarsch“ hatte bis 1913 den sofortigen Einsatz von 39 Infanterie- und 6 Kavalleriedivisionen gegen Rußland vorgesehen. Diese Variante ent­sprach der wenig wahrscheinlichen aber politisch denkbaren Option der Lokal- sierung eines Krieges im Osten mit sofortiger Offensive gegen Rußland. Sie war neben dem Schlieffenplan bis 1913 immer mitgeplant worden12S. Mit der Kassie­rung einer möglichen östlichen Schwerpunktsetzung wurde die deutsche Auf­marschplanung vollends unflexibel, waren durch Moltke d. J. für den Mobilma­chungsfall entscheidende präjudizierende Tatsachen geschaffen worden, die sich am 1. August 1914 nicht mehr revidieren ließen. Als Wilhelm II. gegenüber Moltke d. J. am 1. August 1914 angesichts der für möglich gehaltenen Lokali­sierung des Krieges im Osten sowie der erwarteten englischen Neutralität ver­langte, das deutsche Heer gegen Rußland aufmarschieren zu lassen, erklärte ihm dieser, daß dies unmöglich sei. Darauf kam es zu jener Szene, in der Wilhelm II. seinem Generalstabschef vorwarf: „Ihr Onkel würde mir eine andere Antwort gegeben haben“129. Nach dem Scheitern des Bülow’schen Bündniskonzeptes 1904/05, durch die Erweiterung des casus belli innerhalb des Zweibundes 1908/09 und dem aber­maligen Scheitern des Versuchs, ein Neutralitätsabkommen mit Rußland abzu- schließen unter Bethmann-Hollweg 1910 hätte Rußland als Hauptgegner Deutschlands angesehen werden können. Rußland wurde auch innenpolitisch als Gegner benötigt, da das rassische Feindbild populär war, der inneren Mobilisie­rung diente und somit wichtige sozialdisziplinierende Effekte nach sich zog. Es war daher politisch schwer einzusehen, einen Krieg im Westen zu eröffnen, wenn die Möglichkeit bestand, diesen im Osten zu lokalisieren. Andererseits standen einer Frontstellung gegen Rußland Bedenken maßgeblicher Teile der konservativen Herrschaftselite des Kaiserreichs entgegen, die ein rassisches Bündnis aus innenpolitischen Gründen favorisierten und sogar noch in der Juli- krise 1914 die „russische Rochade“ zu Lasten des Zweibundpartners Österreich- S S e y f e r t: Die militärischen Beziehungen und Vereinbarungen, S. 33-46. Helmuth von Moltke d. J. an Generaloberst Hans von Plessen. Berlin, 2. Mai 1915 siche B Arch MA Freiburg i. Br., N 78 (Nachlaß Helmuth von Moltke d. J.), 6 (Korrespondenz mit Hans von Plessen), fol. 16-23. 62

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