Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Jürgen Angelow und 1914 analysierte die dritte Abteilung des deutschen Generalstabs die Grundzüge der französischen Aufmarschplanung, die unter Marschall Joseph Joffre geändert worden war, anhand öffentlicher und geheimer Quellen. Dabei kamen die deutschen Generalstäbler zu der Erkenntnis, daß die Franzosen sehr genaue Vorstellungen über die deutsche operative Schwerpunktsetzung eines Angriffs durch Belgien hatten und sich darauf in elastischer Defensive einstellten121. Aus der Beobachtung und Auswertung der französischen Armeemanöver von 1911 bis 1913 wußte der deutsche Generalstab sogar, wie die französische Armeeführung das deutsche Angriffsverfahren einschätzte, da es als rücksichtsloser Frontalangriff in breitem Vormarsch ohne Tiefengliederung simuliert wurde122. Das fatalistische Resümé der gewonnenen Erkenntnisse über die französische Armee formulierte der deutsche Generalstabschef gegenüber seinem österreichischungarischen Kollegen Conrad von Hötzendorf auf ihrer letzten Karlsbader Begegnung - kurz vor Kriegsbeginn - im Mai 1914 selbst. Auf die Frage, „was fangen Sie an, wenn Sie im Westen keinen Erfolg haben und im Osten Ihnen die Russen derart in den Rücken kommen“, gab Moltke d. J. die lapidare Feststellung: „Ja, ich werde machen, was ich kann. Wir sind den Franzosen nicht überlegen!“123 Diese Worte folgten der unangenehmen Vorahnung, daß der kommende Krieg nicht mehr rational beherrschbar war und von längerer Zeitdauer sein könnte. Deshalb hatte es Moltke d. J. auch abgelehnt, bei der Übernahme, Modifizierung und praktischen Umsetzung des Schlieffenplans die niederländische Neutralität zu verletzen, da er die niederländischen Transportwege und - kapazitäten als „Luftröhre“ für die Rohstoffversorgung der deutschen Kriegswirtschaft und die Ernährung der Bevölkerung - die beide nach einigen Monaten des Krieges zusammenbrechen würden - dringend benötigte124. Die gravierende Verengung der Angriffsfront führte zur Planung des abenteuerlichen Handstreichs auf Lüttich bereits am dritten Mobilmachungstag. Wirtschaftliche Überlegungen standen auch hinter der Entscheidung des Generalstabschefs und des Chefs der Operationsabteilung von 1908-1913, Erich Ludendorff, den nördlichen Angriffsflügel gegenüber Frankreich relativ zu schwächen, um durch die Verstärkung des südlichen Frontabschnittes im Falle eines längeren Krieges große Geländeverluste in den für die Rüstungsproduktion wichtigen, industriell 121 Vgl. B Arch MA Freiburg i. Br., PH 3, 256 (Denkschrift des Generalstabes, 3. Abt., .Aufmarsch und operative Absichten der Franzosen in einem zukünftigen deutsch-französischen Kriege1. 1912, berichtigt im April 1914). 122 Vgl. B Arch MA Freiburg i. Br., PH 3, 140 (Denkschriften des Generalstabes ,Nachrichten über die französischen Heere‘, 1911, 1912 und 1913). 123 Zit. nach Conrad: Aus meiner Dienstzeit 1906-1918. Bd. 3, S. 669. 124 Die Einbeziehung der Niederlande in die britische Femblockade und die Unterbindung des deutschen Zwischenhandels ließen das Konzept der ,Luftröhre1 im Winter 1914 scheitern. Vgl.dazu die knappe Zusammenfassung der unveröffentlichten Dissertation von Frey, Marc: Strategische Überlegungen Deutschlands und Großbritanniens gegenüber den Niederlanden, 1908-1918. In: Newsletter (1995), Nr. 1 des Arbeitskreises Militärgeschichte e. V. Freiburg i. Br., S. 6 f. 60