Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung Unterschätzung des Gegners und fatalistisch-pessimistischer Beurteilung der realen militärischen Möglichkeiten der Zweibundmächte ersetzt. Durch längst bekannte Informationen und eine Intensivierung der Militärspio­nage gegenüber Frankreich seit 1911/12 war Moltke d. J. die Schwäche der deutschen Position bekannt, da die Franzosen als zahlenmäßig zumindest eben­bürtig, technisch weit fortgeschritten, zum Teil sogar überlegen, und in ihren operativen Absichten auf den erwarteten deutschen Angriff zweckmäßig einge­stellt waren. Bereits am 2. Dezember 1911 hatte Moltke d. J. in seiner Denk­schrift zur „militärpolitischen Lage Deutschlands“118 gegenüber Reichskanzler Bethmann-Hollweg mit Blick auf Frankreich festgestellt, daß die Friedensstärke des französischen Heeres der deutschen fast gleich komme. Seit 1905 habe Frankreich bedeutende Rüstungsanstrengungen unternommen. So sei durch Aufstellung von 105 neuen Batterien die artilleristische Überlegenheit Deutsch­lands wettgemacht worden. Darüber hinaus habe sich Frankreich „in einer bei­spiellosen Weise gegen einen deutschen Einmarsch verbarrikadiert. Seine vier großen Grenzfestungen Verdun, Toul, Epinal und Beifort sind mit allen Mitteln moderner Technik ausgebaut und durch eine Reihe von Sperrforts miteinander verbunden.“ Frankreich, so führte Moltke d. J. weiter aus, begnüge sich nicht mit Defensivmaßnahmen. Es nutze seine Bevölkerungsressourcen in einer Wei­se, hinter der das Reich weit zurückbleibt. „Während Deutschland von seiner militärpflichtigen Mannschaft zur Ausbildung mit der Waffe 52,7 %, insgesamt 53,2 % aushebt, hebt Frankreich mit der Waffe 78,1 %, insgesamt 82,9 % aus.“ Diese Zahlen sprachen auch für einen höher entwickelten logistischen Bereich der Franzosen - ein Problem, auf das Moltke d. J. bezeichnenderweise nicht einging. Selbst nach der Durchführung der großen Heeresverstärkung - so der deutsche Generalstabschef weiter - würde Deutschland nur 0,865 % seiner Be­völkerung in die Armee einreihen, während Frankreich bereits zum jetzigen Zeitpunkt 1,22 % eingestellt habe. Im darauffolgenden Jahr stellte Moltke d. J. fest, daß „die numerische Stärke unseres Heeres, die der Wehrfähigkeit des Lan­des in Bezug auf seine waffentaugliche Mannschaft seit langem nicht mehr ent­spricht, ... nicht (genüge), um den Aufgaben der Zukunft gewachsen zu sein“119. In einer im Oktober 1909 vom Generalstab angefertigten Denkschrift über Luft­schiffahrt, Flugmaschinen, Kraftwagen und drahtlose Telegraphie stellte man fest, daß Frankreich vor allem auf lufttechnischem Gebiet sehr weit fortgeschrit­ten sei, Deutschland hingegen „beschämend“ zurückbleibe120. Zwischen 1912 den 20. Januar 1904). Als Moltke d. J. gegenüber Wilhelm II. 1906 Bedenken äußerte, den Posten des Generalstabschefs zu übernehmen, ermunterte ihn der Kaiser: „Das bischen Friedensarbeit ma­chen Sie schon, und im Kriege helfe ich Ihnen.“ (Zit. nach V e r o s t a : Theorie und Realität von Bündnissen, S. 175). 118 BA-MZA Potsdam, W-10, 50199, fol. 56-75, hier fol. 71-72. 119 BA-MZA Potsdam, W-10, 50199, fol. 351-368, hier fol. 360 (Denkschrift Helmuth von Moltke d. J. an Theobald von Bethmann-Hollweg vom 21. Dezember 1912 zur,militär-politischen Lage4). 120 Vgl. B Arch MA Freiburg i. Br., PH 3, 215 (Denkschrift des Generalstabes über ,Luftschiffahrt, Flugmaschinen, Kraftwagen und drahtlose Telegraphie4, Oktober 1909). 59

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