Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
STRIMITZER, Birgit: Der k. k. Staatsrat Friedrich Freiherr Binder von Krieglstein, Freund und Sekretarius des Staatskanzlers Kaunitz. Ein Beitrag zur Klientelpolitik der maria-theresianischen Epoche
Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44/1996 - Rezensionen Aussterben nahe, unverzichtbar als die einzigen, die „die uns alle angehenden, grundlegenden Probleme ansprechen“ (119), einzige Träger jeder allgemeinen und gmndlegenden Problematisierung im öffentlichen Bereich („Nachdem die europäische Kultur die Intellektuellen als Problemsteller hervorgebracht hatte, wirft sie nun das Problem der Agonie der Intellektuellen auf, einer Agonie, die sowohl Tod als auch Neugeburt bedeuten kann“ - 119); die „Antworten“ auf die Frage nach der „kulturellen Identität“ Europas können also nur lauten: „Das Wichtige an der europäischen Kultur sind nicht ihre Schlüsselideen ..., sondern die Tatsache, daß alle diese Ideen auch Gegensätze haben ... Diese „Dialogik“ ist das entscheidende Charakteristikum der kulturellen Identität Europas ... “ (128). „Das erste und letzte Charakteristikum der europäischen Kultur ist die Problematisierung“ (132); Europa ist heute Erbin und Hüterin dieser allumfassenden Problematisierung. Die vierte Annäherung („Das neue Bewußtsein“, „Die Schicksalsgemeinschaft“) ist zeitgeschichtlich und gegenwartsbezogen und versucht, das komplexe, widersprüchliche „Erbe“ in einer europäischen „Zielgemeinschaft“ neu sichtbar werden zu lassen. Das europäische Erbe verschmilzt mit den harten Kriegs- und Nachkriegserfahrungen so etwa in den Siebzigerjahren zu einem „neuen euopäischen Bewußtsein“ als Bewußtsein einer umfassenden Schwäche Europas und zugleich starker „Reserven“ in der Tiefe: „Das neue europäische Bewußtsein ist letztlich das Bewußtsein, daß alles ungewiß ist ... Das neue europäische Bewußtsein ist das Bewußtsein einer Schicksalsgemeinschaft“ (163); dieses Bewußtsein ist zu fördern, zu wecken: „Wir meinen, daß die Intelektuel- len der europäischen Länder sowohl in der Lage wären als auch die Aufgabe haben, dem Bewußtsein des gemeinsamen Schicksals und der gemeinsamen Identität Ausdruck zu verleihen ... “(184); die Intellektuellen sind dazu aufgerufen, die neue europäische Identität als „die pluralistische Identität der unitas multiplex“ (185) zu formulieren - und sie sollten, nachdem in den letzten Jahren alle „rechten“, vor allem aber die „linken“ Versuchungen zusammengebrochen sind, dazu fähig sein. Europa, im „planetarischen Zeitalter“ zu einer „peripheren Provinz“ geworden (200), kann aufgrund seines Erbes „komplexer Dialogik“ eine Insel der Demokratie (als eines „Systems ohne Wahrheit“, d. h. mit Spielregeln für die Auseinandersetzung zwischen vielen verschiedenen „Wahrheiten“) werden: „Die Demokratie ist das letzte, zerbrechliche Produkt der europäischen Nationen, aber sie entspricht zutiefst dem von der „Dialogik“ geprägten Wesen der europäischen Kultur, wo Gegensätze und Antagonismen sich ergänzen können ... Durch den Verfall des sowjetischen Mythos hat sich die Idee der Demokratie erneuert. Aber die Demokratie darf deswegen nicht selbst zu einem Mythos werden (!) und wie der Kommunismus vorgeben, alle menschlichen Probleme zu regeln ... Wir befinden uns nicht in der Ära der demokratischen Vollendung, sondern der demokratischen Anfänge“ (214 f.). Eine neue Metamorphose Europas hat zwar begonnen, aber „wir sind weder Raupe noch Libelle, wir sind noch 390