Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

AGSTNER, Rudolf: Das Palais Polowzow als k. u. k. Botschaft in Sankt Petersburg 1886–1914

Rudolf Agstner bereits geräumt haben“. Fürst Obolensky mußte seine Wohnung bis Juni 1897 verlassen. Weiters befand sich im Gebäude damals auch die Irvingianische Kir­chengemeinde28, welche einen Mietvertrag bis 1. Mai besaß. Zar Nikolaus erteilte seine Einwilligung, daß das Botschaftspalais von Um­schreibegebühren befreit sein sollte und daß das russische Ministerium des Äu­ßern sämtliche übrigen auf das Palais entfallenden Steuern und Abgaben zu tragen habe. IV. Im Frühjahr 1897 wurde der Wiener Architekt Armand-Louis Bauqué29 nach St. Petersburg entsandt, um verschiedene Umbauten und Adaptierungen zu pro­jektieren. Die Arbeiten sollten vom Petersburger Architekten Petersohn durchge­führt werden, dessen Kostenvoranschlag sich auf 113.855 Rubel 52 Kopeken belief30. Das Parterre-Geschoß blieb im wesentlichen unverändert. „Es umfasst eine schöne Botschaftsratswohnung gegen die Gasse zu, die Küchenapparte­ments des Herrn Botschafters, ferner Stallungen, Remisen, etc., und mehrere Dienerwohnungen.“ Auch der erste Stock - hier befanden sich „die Privatwohnung für einen ver­heirateten Botschafter, die Botschaftskanzleien, das Consulat, die Wohnung des Consuls, die Wohnung eines ledigen Attachés“ - blieb unverändert. Größere bauliche Veränderungen betrafen den zweiten Stock, der zu Empfangsräumen adaptiert, und wo in erster Reihe ein geräumiger Tanzsaal (durch Wiederherstel­lung des organisch bestehenden, zu Wohnungen verbauten großen Saales gegen den Haupthof zu) hergerichtet werden sollte. Außer den Empfangsräumen be­fanden sich dort „noch drei schöne Wohnungen“. Edward Irving (* Annan, Dumfries 4. August 1792, | Glasgow 7. Dezember 1834; schottischer Geistlicher, dessen Lehren die Grundlage für eine religiöse Bewegung bildeten, die als „Irvingi- anismus“ oder „Catholic Apostolic Church“ bekannt war und bis Ende des 19. Jahrhunderts be­stand). 2) * Paris 5. November 1851, t Wien 4. Jänner 1903. Bauqué studierte bis 1869 in Paris an der Ecole des Beaux Arts bei Jules Guardet und arbeitete von 1889 an in Wien gemeinsam mit dem Architek­ten Albert Pio (* Mailand 15. Jänner 1847, f ?), ebenfalls Schüler der Ecole des Beaux Arts. 1894 gründeten sie die Baufirma „Bauqué & Pio“ und errichteten zahlreiche Palais, wie u. a. die beiden Bourgoingpalais in Wien (1890 und 1892/93), das Palais fur Pauline Fürstin Metternich (1895/96), die Villa für Nathan Rothschild, das Palais für Nikolaus Fürst Wrede sowie zahlreiche Wohnhäuser in Wien und Paris. Von ihnen stammt die Ausschmückung und Adaptierung des Schlosses in Donau- eschingen (1893-96), an der Erneuerung des Schlosses in Lancut, Galizien (1894-1903) waren sie beteiligt. Die äußere und innere Umgestaltung des Faniteums in Wien XIII. führte Bauqué allein durch. Vgl. dazu Haider, Edgar: Verlorenes Wien. Adelspaläste vergangener Tage. Wien-Köln- Graz 1984, S. 111-113; C z e i k e , Felix: Historisches Lexikon Wien. Bd. 1. Wien 1992. Für diese detaillierten Informationen bin ich Frau Marcella Stern (Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation, Österreichische Akademie der Wissenschaften Wien) zu Dank verpflichtet. 30 IIHStA Wien, AR, Fach 6/29, Palais Petersburg-4/1, ZI. 18.029/2 aus 1897, Bericht (Liechtenstein) Nr. XXXVII-S aus St. Petersburg vom 11. April 1897. 6

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