Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

MALFER, Stefan Der Kampf um die slawische Liturgie in der österreichisch-ungarischen Monarchie – Ein nationales oder ein religiöses Anliegen? Mit einem unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Papst Leo XIII. und Kaiser Franz Joseph I

Stefan Malier Umgekehrt hat Wien das Hauptmotiv Strossmayers und des Papstes - die Ein­heit der Kirche, und die slawische Liturgie als ein Zeichen gegenüber der Or­thodoxie nicht akzeptiert, das Anliegen als Illusion hingestellt. Die zitierte wissenschaftliche Literatur hat die Vorwürfe der Monarchie gegen Strossmayer nicht wiederholt und die religiöse und kirchliche Verwurzelung seines Anlie­gens gesehen, das sich freilich nicht im Widerspruch zu seinen nationalpoliti­schen Anliegen befand. Dennoch soll im zweiten Teil auch dieser Aspekt vertieft werden. Die Entwicklung, die Kirche und Staat seit den hier behandelten Er­eignissen vor mehr als hundert Jahren genommen haben, lassen längerfristige Faktoren erkennen, die den Zeitgenossen verborgen geblieben sind. I. Der Streit um die slawische Liturgie 1881-1883. Das politische Umfeld Das neue Pontifikat Bischof Strossmayer begann im Frühjahr 1881, sich wieder um die slawische Liturgie zu bemühen. Das Anliegen war nicht neu. Schon 1859 hatte er Pius IX. ein Memorandum überreicht, doch dessen ablehnende Haltung - „nec volumus nec possumus“ soll er gesagt haben12 - machte vorerst weitere Bemühungen sinnlos. Erst Leo XIII., 1878 zum Papst gewählt, schien aufgrund seines Interes­ses an der Orthodoxie und seiner großen Sympathie für die slawischen Völker der richtige Papst für dieses Anliegen zu sein. Auch die Wachsamkeit der ungarischen Politiker hinsichtlich der Tätigkeiten Strossmayers war nicht neu. Der streitbare Kirchenfürst war in ihren Augen schon längst zum stets gefährlichen Gegner geworden, dessen Absetzung man gern gesehen hätte. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist eine Randglosse auf einem Bericht des österreichischen Botschafters beim Vatikan aus dem Jahr 187513. Gegenstand des Berichts war die endlich stattgehabte Audienz Stross­mayers bei Pius IX., die als Zeichen der endgültigen Unterwerfung Stross­mayers, des ehemaligen Anführers der Opposition gegen das Unfehlbarkeits­dogma auf dem (I.) Vatikanischen Konzil, gewertet wurde. Der Botschafter kommentierte die Audienz so: „[...] doch jedenfalls ist es erfreulich, daß durch diese Audienz wenigstens der äußeren Form in der Stellung des Bischofs Strossmayer gegenüber dem Papste genügt wurde, da ein längeres Zögern des Bischofs vielleicht doch am Ende zur Suspendierung desselben hätte führen können.“ Außenminister Graf Andrássy unterstrich die Worte „ist es erfreulich“ und setzte an den Rand ein großes Fragezeichen, während die „Suspendierung“ mit einem Randstrich und einem großen Rufzeichen versehen wurde... HHStA Wien, PA XI, Karton 259, Konvolut 1881/82, Tisza an Haymerle, 1881 Mai 29. 13 Ebenda, Konvolut 1870-1878, fol. 50; Paar an Andrássy, 1875 Februar 6. 168

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