Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

MALFER, Stefan Der Kampf um die slawische Liturgie in der österreichisch-ungarischen Monarchie – Ein nationales oder ein religiöses Anliegen? Mit einem unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Papst Leo XIII. und Kaiser Franz Joseph I

Der Kampf um die slawische Liturgie in der österreichisch-ungarischen Monarchie Der Anlaß für den Beginn der Aktion Strossmayers im Frühjahr 1881 war fol­gender. Leo XIII. hatte am 30. September 1880 die Enzyklika „Grande munus“ zu Ehren der Slawenapostel Kyrill und Method publiziert. Er verfügte darin die Ausdehnung des liturgischen Festes der beiden Heiligen auf die ganze katholi­sche Kirche. Die Enzyklika war ein kräftiges Zeichen der Sympathie gegenüber den katholischen Slawen, aber auch in Richtung slawische Orthodoxie14. Die katholischen Slawen organisierten im darauffolgenden Jahr einen Dankpilger­zug nach Rom. Über tausend Polen, Tschechen, Slowaken, Slowenen und Kroa­ten fuhren unter der Leitung ihrer Bischöfe, an der Spitze Strossmayer, nach Rom, um das Fest der Heiligen am 5. Juli 1881 gemeinsam mit dem Papst zu feiern. Bereits ins Vorfeld der Reise fiel die erste Intervention des ungarischen Mini­sterpräsidenten Kálmán Tisza15. Am 29. Mai 1881 schrieb er an den k. u. k. Außenminister Haymerle16, er habe aus sicherer Quelle erfahren, daß Stross­mayer den Pilgerzug bzw. die Anwesenheit in Rom benützen werde um den Papst zu bitten, daß er „in jenen katholischen Kirchen, welche sich auf von sla­wischen Nationalitäten bewohnten Gebieten befinden, statt der bisherigen latei­nischen Liturgie die Einführung einer slawischen Liturgie gestatten möge“. Tisza wies auf die Gefahren hin, die „das Gelingen eines solchen Vorhabens in politischer Beziehung sowie mit Rücksicht auf die Entwicklung der Nationalitä­tenfragen heraulbeschwören würde“, und ersuchte das Außenministerium, die Angelegenheit zu verfolgen „und beizeiten gegen[zu]arbeiten, damit seitens des heiligen Stuhles nicht unerwartet etwas geschehe, dessen Konsequenzen dann schwer zu beseitigen wären“17. Damit begann ein hartnäckiges Tauziehen. Haymerle beauftragte den Bot­schafter beim Päpstlichen Stuhl, Graf Paar18, mit der „Gegenarbeit“. Sie war aus zwei Gründen nicht ganz leicht. Zum einen fiel diese liturgische Angelegenheit ohne Zweifel in die alleinige Kompetenz des Heiligen Stuhles, sie gehörte nicht zu den res mixtae wie Schul- und Eheschließungsfragen oder die Bischofsernen­nungen. Zum anderen wurde sie im Vatikan als geheime Angelegenheit betrach­tet und mit dem secretum pontificium belegt. Die k. u. k. Vatikanbotschaft hatte aber gute Kontakte, und es war ihr natürlich unbenommen, das Thema von sich aus anzusprechen. Paar konnte Beruhigendes berichten19 20. Der Kardinalstaatsse­kretär Jacobini“ sagte, über das Bestehende werde man nicht hinausgehen, und von der Zugestehung einer Liturgie in einer modernen slawischen Sprache sei 14 Siehe dazu unten Teil II: Ökumene; zur Enzyklica vgl. Esposito: Leone XIII, S. 543-551. 15 Kálmán von Tisza, 1875-1890 ungarischer Ministerpräsident. 16 Heinrich Freiherr von Haymerle, von Beruf Diplomat, 1879-1881 (10. Oktober) k. u. k. Minister des kaiserlichen Hauses und des Äußern. 17 HHStA Wien, PA XI, Karton 259, Konvolut 1881/82, Tisza an Haymerle, 1881 Mai 29. 18 Ludwig Graf Paar, 1873-1888 Botschafter in Rom (Vatikan). 19 HHStA Wien, PA XI, Karton 259, Konvolut 1881/82, Paar an Haymerle, 1881 Juni 10undJuni24. 20 Lodovico Jacobini, 1874-1880 Nuntius in Wien, 1880-1887 Kardinalstaatssekretär Leos XIII. 169

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