Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

MALFER, Stefan Der Kampf um die slawische Liturgie in der österreichisch-ungarischen Monarchie – Ein nationales oder ein religiöses Anliegen? Mit einem unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Papst Leo XIII. und Kaiser Franz Joseph I

Der Kampf um die slawische Liturgie in der österreichisch-ungarischen Monarchie politischen Beziehungen Österreichs bzw. Österreich-Ungarns zum Vatikan nicht erwähnt8. Einen eigenen Beitrag hat jüngst Alojz Ivanisevic der slawi­schen Liturgie gewidmet9. Er gibt einen Überblick über die Ereignisse und die Ansichten der beteiligten Personen und Institutionen (Strossmayer, Leo XIII., Franz Joseph, österreichisch-ungarische Behörden, Kurie) bis zur Jahrhundert­wende. Bisher wurde aber noch nicht die politische Tragweite der scheinbar ein Spe­zialthema betreffenden Frage und ihr Zusammenhang mit der „großen Politik“ ausreichend erkannt Die im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien zu einer besonderen „Liasse“ vereinigten Akten des Ministeriums des kaiserlichen Hau­ses und des Äußern zu diesem Thema10 11 zeigen, daß auf beiden Seiten tief ins Grundsätzliche reichende Anliegen und Überlegungen im Spiel waren und daß die Frage von seiten der Monarchie zu einem eminent politischen Problem ge­macht wurde. Es ist notwendig, wenigstens die erste, klar abgrenzbare Phase von 1881 bis 1883 ausführlicher darzustellen, als es bisher geschehen ist, um der Wichtigkeit der Frage gerecht zu werden und ihre langfristige Dimension zu erkennen. Dies soll im ersten Teil dieses Beitrags geschehen. Die Dramatik der Ereignisse ist u. a. daraus ersichtlich, daß es zu massiven Interventionen der Monarchie bis hin zu einem informellen Ultimatum gekommen ist, daß sich andere hochpoliti­sche Handlungsstränge mit der Liturgiefrage kreuzten, daß Papst Leo XIII. per­sönlich und intensiv in die Frage involviert war und daß es schließlich zu einem pointiert politischen Briefwechsel zwischen dem Papst und dem österreichischen Kaiser gekommen ist. Die Regierungen in Budapest und in Wien haben Strossmayer vorgeworfen, aus politischen Motiven, im Dienst seiner nationalen, kroatischen bzw. südsla­wischen Ideen zu handeln, und haben diese Beurteilung auch Rom zur Kenntnis gebracht. Die Kurie hat dieses Beurteilung nicht übernommen, allerdings eher defensiv reagiert. Einmal heißt es in einem Bericht der k. u. k. Botschaft beim Vatikan: „Der Kardinal [Kardinalstaatssekretär Lodovico Jacobini] insinuierte hierauf, daß die Frage vielleicht nicht zu ausschließlich von der politischen Seite aufzufassen wäre“, was der Botschafter nicht gelten ließ 8 Engel-Jan osi, Friedrich: Österreich und der Vatikan 1846-1918. Bd. 1: Die Ponitfikate Pius’ IX. und Leos XIII. (1846—1903). Graz-Wien-Köln 1958; kurz erwähnt ist die Frage in der Einleitung zur Edition Engel-Janosi, Friedrich: Die politische Korrespondenz der Päpste mit den österreichi­schen Kaisern 1804-1918. Wien-München 1964, S. 53. Ivanisevic, Alojz: Die Bemühungen Josip Juraj Strossmayers um die slawische Liturgie aus der Sicht der österreichisch-ungarischen Zentralbehörden und des Vatikans. In: Österreichische Osthelte 37 (1995), S. 423-445. 10 Haus-, Hof- und Staatsarchiv [HHStA] Wien, Politisches Archiv [PA] XI, Rom/Vatikan, Karton 259-262, Liasse V „Slavische Liturgie 1870-1914“. Die Gegenakten befinden sich in HHStA Wien, Botschaftsarchiv Rom-Vatikan IV, Fasz. 30, Mappe „Strossmayer [1881-1888]“ und Mappe „Slawische Liturgie 1887-1888“. Sie werden im folgenden nicht zitiert. 11 HHStA Wien, PA XI, Karton 259, Konvolut 1881/82, Rosty an Kälnoky, 1882 September 15. 167

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