Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag
ENDERLE-BURCEL, Gertrude: Militarisierung der Gesellschaft – Aspekte österreichischer Wehrpolitik 1918–1938
Gertrude Enderle-Burcel vom 1. April 1936 wurde er zum Chef des Generalstabes der bewaffneten Macht ernannt.75) Als Rechtfertigung für den totalen Umbau des Staates, bzw. der Militarisierung weiter Gesellschaftsbereiche wurde von den Regierungen Dollfuß und Schuschnigg der innenpolitische Zweifrontenkrieg gegen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten sowie die zunehmende Verschärfung der außenpolitischen Situation angeführt. Staatssekretär für die Angelegenheiten des Sicherheitswesens, Hans Hammerstein-Equord, kommt im Ministerrat zu dem Schluß, „daß man ohne wesentliche Vermehrung des Bundesheeres zu keiner endgültigen Befriedung kommen werde“.76) Für den Ausbau des Bundesheeres waren aber größere Budgetmittel erforderlich. Umfangreichen Sparmaßnahmen bei den Sozialausgaben77) stand 1935 bis 1938 ein stark steigendes Heeresbudget gegenüber, zu dem noch getarnte Budgetsummen kamen, wie etwa 1934 zwölf Millionen und 1937 28,7 Millionen Schilling aus dem Budgetposten „Arbeitsbeschaffung“ sowie weitere zehn Millionen Schilling für Befestigungen und Flugplätze unter dem Titel „Hochbau“.78) Finanzminister Karl Buresch, der stets große Härte bei den Budgetkürzungen des Sozial- und Unterrichtsressorts zeigte, hielt die Aufbringung der notwendigen Mittel für den Heeresausbau durchaus im Bereich des Möglichen und kündigte eine „besondere Kreditoperation“ um die Jahreswende 1934/1935 an.79) Im Jänner 1955 stellte er im Ministerral die Verbindung zwischen dieser „besonderen Darlehensaktion“ und dem Ergebnis der Verhandlungen zwischen Pierre Laval und Mussolini her.80) Italien, das seit vielen Jahren Waffen an die österreichische Heimwehr lieferte81) und ab 1929/1930 an die österreichische Exekutive82), war zu dieser Zeit noch ein enger Bündnispart75) Peter Broucek, Die militärische Situation Österreichs und die Entstehung der Pläne zur Landesverteidigung, in: Anschluß 1938, Protokoll des Symposiums in Wien am 14. und 15. März 1978, Wien 1981, S 143f. 76) MRP 974/2 vom 6./7./10. November 1934, S 43. 77) Zur Entwicklung des Sozialbudgets vgl.Emmerich Talos, Staatliche Sozialpolitik in Österreich, Rekonstruktion und Analyse, Wien 1981, S 276f. 78) Steinböck, Österreichs militärisches Potential, S 36. 79) MRP 977/29 vom 20./21. Dezember 1934, S 159. 80) MRP 978/10 vom 4. Jänner 1935, S 191. 81) Vgl. dazu Lajos Kerekes, Abenddämmerung einer Demokratie, Mussolini, Gömbös und die Heimwehr, Wien/Frankfurt/Zürich 1966. 82) Broucek, Die militärische Situation Österreichs, in: Anschluß 1938, S 139f. Vgl. auch Wolfgang Hügle, „Wehrpolitische Informationen über Österreich im Reichskriegsministerium 1933-36“ (Generalstab Aht. Fremde Heere), Zulassungsarbeit zum Staatsexamen, Tübingen 1967, S 27. 188