Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

ENDERLE-BURCEL, Gertrude: Militarisierung der Gesellschaft – Aspekte österreichischer Wehrpolitik 1918–1938

bert Dollfuß wurde zum „Heldenkanzler“ hochstilisiert, das Absingen des „Liedes der Jugend“, auch „Dollfußlied“ genannt, wurde bei allen Jugendfeiern und in den Schulen verpflichtend eingeführt.50) Für die geplanten Schießübungen hatte die Steyr-Daimler-Puch-A.G. bereits 1935 ein Modell fertiggestellt, das bei der vormilitärischen Jugendaus­bildung Verwendung finden sollte, wobei die untere Altersgrenze mit 15 Jahre angenommen wurde.51) Für das Schuljahr 1937/38 wurde eine Schießausbildung mit dem Kleinkalibergewehr der Steyrwerke (Wehrsportmodell 1937 Kaliber 22) angeordnet.52) Darüber hinaus wurde Propagandamaterial wie etwa die bebilderte Zeitschrift „Der Soldat“ an den Schulen verbreitet.53) Eine Fortsetzung fand die vormilitärische Erziehung bei der Lehrer­ausbildung und an den Hochschulen. Im Juli 1935 wurden Vorlesungen zur Förderung des vaterländischen Gemeinschaftsgedankens, Turn­stunden und acht Wochen Hochschullager zur Pflege des Leibesübungs­und Wehrgedankens gesetzlich verankert.54) Die mit der paramilitäri­schen Ausbildung verbundenen Kosten wurden durch Erhöhung der Kolleggelder und durch Einsparungen im Unterrichtsressort gedeckt.55) Die Sportpflicht an den österreichischen Universitäten ab 1935 wies da­bei einige Parallelen zur nationalsozialistischen Konzeption in Deutschland auf.56) Weitere Beispiele zeigen wie umfassend die Durchdringung der Be­völkerung mit militärischem Gedankengut von der Regierung Schuschnigg geplant wurde. Postmarken mit dem Bildnis öster­reichischer Heerführer57) und der Wunsch, das Heeresmuseum in die In­nere Stadt zu verlegen, um die „Erweckung eines österreichischen Staatsbewußtseins und die österreichische Staatserziehung des Volkes Militarisierung der Gesellschaft - Aspekte österreichischerWehrpolitik 1918-1958 50) Marschnig, Die Militarisierung der Gesellschaft, S 62ff. 51) AdR, Bundesministerium für Landesverteidigung, Rarton Vormilitärische Jugend­erziehung, ZI. 870 Präsidium/ 1955 Steyr-Daimler-Puch-A.G. Kleinkalibergewehr für die Jugendausbildung, 23. September 1935. 52) Marschnig, Die Militarisierung der Gesellschaft, S 80. 53) AdR, Bundesministerium für Unterricht ZI. 950 Präsidium/ 1937. 54) BGBl. 267/ 1935. 55) MRP 997/33 vom 24. Mai 1955; vgl. weiters AdR, MRP 998/10 vom 31. Mai 1935 und MRP 1000/11 vom 14. Juni 1935. 56) Rudolf Müllner, „Unser Körper gehört uns nicht selbst, sondern unserem Volk“, Zur Geschichte des Schul- und Hochschulsportes im nationalsozialistischen Österreich, phil. Diss., Wien 1991, S 265 ff; vgl. dazu auch einen repräsentativen Tagesdienstplan eines Hochschullagers im August 1937, S 266. Weitere Beispiele für die Abwehr des Na­tionalsozialismus durch Konkurrenzaktionen vgl. Anton Staudinger, Abwehr des Natio­nalsozialismus durch Konkurrenz? Zur Kulturpolitik im Austrofaschismus, in: 100 Jahre Volkstheater, Theater Zeit Geschichte, Wien/München 1989, S 82-87. 57) MRP 980/5 vom 18. Jänner 1935. 185

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