Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 42. (1992)

NAUTZ, Jürgen: Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas und zum europäischen Machtgleichgewicht. Die wirtschaftspolitischen Arbeiten Richard Schüllers im amerikanischen Exil 1943–1950

Jürgen Nautz tionalen Verflechtungen sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden. Nur so könne das Überleben der anderen Staaten in Europa garantiert werden23). Die Kleinstaaten ständen aber auch in dem Di­lemma, daß ihre nationalen Märkte zu klein seien. Eine Lösungs­möglichkeit biete eine Zollunion zwischen Kleinstaatengruppen und Großmächten mit dem Ziel einer europäischen Zollunion. Solche Pläne würden von den Exilregierungen diskutiert, die nach der wirtschaftli­chen Integration Europas auch eine politische Einigung erwarteten. Eine solche Zielvorgabe sei aber zunächst wenig realistisch, da eine Zollunion eine zu diesem Zeitpunkt nicht erreichbare politische und militärische Einigung erfordere. Auch die Einrichtung von Freihandels­zonen zwischen europäischen Staaten oder ein gesamteuropäischer Freihandel seien nicht durchführbar. „The small nations may find the trade agreement policy, inflated by the United States, preferable to the different economically and politically complicated regional projects. This policy, confirmed by the Atlantic Charter, can go a long way promo­ting the recovery of their trade.“24) Wenn sich Schüllers pessimistische Einschätzung der wirtschaftlichen Einigung (West-)Europas auch nicht bestätigt hat, sind Analyse und Politikvorschläge Schüllers dennoch nahe der Nachkriegsentwicklung und der alliierten Politik in Europa. Nach der Unterzeichnung der Moskauer Deklaration am 30. Oktober 1943, in der Großbritannien, die USA und die Sowjetunion Österreich und seine Nachbarstaaten aufforderten, nach Kriegsende kooperativ an der Wiederherstellung der politischen und wirtschaftlichen Sicherheit in Mitteleuropa zu arbeiten, beschäftigte Schüller sich in einem Papier mit dem Problem des Freihandels im Donauraum25). Immer wieder tauche in dieser Angelegenheit der Ruf nach einer Donauföderation auf. „Attempts at such a union are bound to fail because its aperation presupposes a political Danubian federation which the Russian Govern­ment bans and which the Danubian countries, at the same time, are neiter willing nor able to achieve.“26) Die Donaustaaten seien nicht bereit, ihre Selbständigkeit aufzugeben und einen staatsrechtlichen Zu­sammenschluß durchzuführen. Man könne daher auch keine Zollunion erwarten. Daher müsse eine andere Form der wirtschaftlichen Zusam­23) S. 361. 24) S. 362. 25) Danubian free trade without customs-union. Aus Schüllers Aufzeichnungen ist zu entnehmen, daß er 1944 für Shotwell vom State Departement ein Memorandum zu Österreich verfaßt hat, indem er vorausgesehen habe, daß das Problem im Donauraum Rußland sein würde. Bei meinen Recherchen im National Archive in Washington habe ich keine Hinweise auf das Memo gefunden. Möglicherweise handelt es sich aber um dieses Papier. 26) S. 352. 348

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