Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 42. (1992)

NAUTZ, Jürgen: Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas und zum europäischen Machtgleichgewicht. Die wirtschaftspolitischen Arbeiten Richard Schüllers im amerikanischen Exil 1943–1950

Jürgen Nautz lieh geschätzten Emigranten Schüller mit einer ehrenvollen Aufgabe zu betrauen, unterbreitete doch das legitimistische „Austria Office“, dem Schüller angehörte, Whitehall Memoranden, in denen eine Poltik for­muliert wurde, die eine Donauföderation in den Grenzen der ehemali­gen Donaumonarchie zum Ziel hatte. In den vorliegenden Dokumenten gibt es keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen der Arbeit der „Europe Study Group“ und der Arbeit des „Austria Office“, aber immer­hin war Schüller ein prominentes Mitglied dieser Exilorganisation. Es existierten aber auch noch andere Verbindungen. Sein Neffe war poli­tisch tätig. So war er in eine Aktion involviert, in deren Verlauf Goerde- ler 1938 in England mit Churchill, Bob Brand und Brüning zusammen­traf15). Der Frage, welche Zusammenhänge hier bestanden haben, kann an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden. Verfügen wir aus der Zeit des Londoner Exils über keine Publikationen oder Manuskripte Schüllers, so doch aus seiner Exilzeit in den USA, in denen sich Schüller zum Problem der Neuordnung Europas nach dem Krieg äußert. Schüller, der mittlerweile seine Berufung als Visiting Pro­fessor an die New School for Social Research in New York bekommen hatte, befaßt sich darin vor allem mit den europäischen Kleinstaaten und der Neuordnung des Donauraumes16). Die Texte, die hier dem interessierten Publikum zugänglich gemacht werden sollen, zeichnen sich durch eine scharfsinnige Analyse der Nachkriegsentwicklung aus. ln seinem Manuskript „The small nations of Europe“, dessen Verwen­dungszweck nicht bekannt ist, wendet sich Schüller der künftigen Ver- teidigungs- und Außenhandelspolitik der europäischen Kleinstaaten zu: Nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges - den die Achsen­mächte verlieren würden, davon ging Schüller bei allen Überlegungen immer aus — seien die kleinen europäischen Staaten weder willens noch in der Lage, sich gemeinsam zu verteidigen. Er führt die Erfolglo­sigkeit der niederländischen Neutralitätspolitik und das Versagen der Kleinen Entente an. Es sei nicht zu erwarten, daß ein Bündnis von Kleinstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg effektiver sein könnte. „They can Camouflage the restoration of the status quo. Common defense can­not result from minor devices of cooperation.“17) Die Kleinstaaten, so Schüller weiter, seien sich jetzt der Probleme und Gefahren solcher 15) Vgl. Heinrich Brüning, Briefe und Gespräche 1934-1945, hrsg. von Claire Nix unter Mitarbeit von Reginald Phelps und George Pettee, Bd. 1, Stuttgart 1974, S. 185ff. 16) Dies sind: „The small nations of Europe“ Manuskript (Umdruck) vom 26. Januar 1943, „Panubian free trade without customs-union“, maschinenschriftliches Manuskript o. D. (nach dem 30. Oktober 1943) beide in: Privatarchiv Nautz und ,JTungary, aDanu Man problem“, in: Social Research 11 (1944), S. 40-52. 17) S. 357. 346

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