Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 42. (1992)
NAUTZ, Jürgen: Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas und zum europäischen Machtgleichgewicht. Die wirtschaftspolitischen Arbeiten Richard Schüllers im amerikanischen Exil 1943–1950
Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas mittee for the Liberation of Austria“, das die Funktion haben sollte, ein österreichisches Bataillon innerhalb der US-Armee aufzustellen. Mit dem Vorsitzenden des Komitees, Otto von Habsburg, hatte Schüller guten Kontakt. Diese wie die anderen Aktivitäten Schüllers waren in einem Pflichtgefühl gegenüber dem Staat, dem er so lange gedient hatte, begründet. Das Bataillon wurde im Mai 1943, nach massiven Protesten verschiedener Emigrantenorganisationen aus Österreich und den Nachfolgestaaten, schließlich aufgelöst. Schüller hatte auch Verbindungen zum „Free Austrian Movement“, das 1940 auf Initiative von Erzherzog Otto in Toronto ins Leben gerufen worden war. Zudem war er noch Mitglied im „Austrian Institute“. In die Zeit seines Exils in London und in den USA, die schließlich die neue Heimat des Kosmopoliten wurden, fallt die zweite Hauptphase von Schüllers wissenschaftlicher Arbeit. Während er sich in seiner Schaffensphase vor dem Ersten Weltkrieg vor allem der volkswirtschaftlichen Theorie widmete, beschäftigte er sich nun in erster Linie mit internationalen Handelsproblemen und der politischen Zukunft Europas und des Donauraumes. In seinem Spätwerk verarbeitet Schüller seine reichhaltigen politischen Erfahrungen. In London, wo er sich von 1939 bis 1941 aufhielt, leitete er eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Neuordnung des Donauraumes befaßte. Den Anstoß zu dieser „Europe Study Group“, wie sie offiziell hieß, gaben sein Neffe Erwin Schüller und David Astor. Zu den Mitarbeiter gehörten u. a. Schumacher und Rauschning. Über die genaue Aufgabenstellung äußert Schüller sich nicht. Aber aus Unterlagen des Foreign Office läßt sich entnehmen, daß sich die Gruppe mit Fragen der Nachkriegsordnung für Mitteleuropa beschäftigt hat12). Thomas Jones schreibt in seinen Aufzeichnungen, Schüllers Memoranden seien sehr wertvoll gewesen13). Offenbar hat sich die „Europe Study Group“ mit Nachkriegsplanungen beschäftigt, die sich vor allem auf den mitteleuropäischen Raum konzentriert haben. Dies umfaßte keineswegs nur die Neuordnung der wirtschaftlichen Beziehungen, sondern, wie aus einem Briefwechsel zwischen dem Foreign Office und dem War Office hervorgeht, auch den Bereich der politischen und militärpolitischen Reorganisation dieses Raumes14). Weder aus Schüllers Aufzeichnungen, noch aus den zur Verfügung stehenden britischen Akten geht hervor, ob und in welchem politischen Kontext die Arbeit der Schüller-Gruppe stand. Es fallt schwer, anzunehmen, daß es nur darum ging, den persönlich und fach12) Vgl. Minute War.R, general, Reg. Nr. R 532/532/67, Military Position in South Eastern Europe, in: PRO London, FO 371/24901, fol. 195-201. 13) Vgl. Thomas Jones, A Diary with letter 1931-1950, S.438. 14) Vgl. Anm. 28. 345