Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 42. (1992)

NAUTZ, Jürgen: Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas und zum europäischen Machtgleichgewicht. Die wirtschaftspolitischen Arbeiten Richard Schüllers im amerikanischen Exil 1943–1950

Jürgen Nautz senkontrollen und damit eine Erleichterung des Waren- und Zahlungs­verkehrs hingearbeitet werden sollte9). Richard Schüller hatte noch den wirtschaftspolitischen Teil der ein­drucksvollen Parlamentsrede geschrieben, die Schuschnigg am 24. Fe­bruar 1938 hielt. Kurze Zeit später kam das Ultimatium aus Berlin. Am 12. März begann der Einmarsch der deutschen Truppen nach Öster­reich. Am Montag danach ließ Schüller sich telefonisch beurlauben und bat um seine Pensionierung. Nur seine Beurlaubung wurde bewilligt. Während seine Familie schnell in die Schweiz, bzw. nach Italien emi­grierte, blieb Richard Schüller noch in Wien. Er beantragte unterdessen in Berlin ein Ausreisevisum nach Italien, dem das Auswärtige Amt zu­stimmte. Auch die Gestapo wollte Schüller gehen lassen. Aber die Wie­ner Behörden machten Schwierigkeiten. Nachdem eine Pressekampa­gne gegen ihn eingesetzt hatte, mußte Schüller seine Verhaftung be­fürchten. Er entschloß sich daher zur Flucht nach Italien. Mit Hilfe seiner Tochter Susanne und ihres Gatten konnte er über die Ötztaler Alpen fliehen. In Italien gewährte ihm zunächst Mussolini Schutz. Trotzdem er und seine Familie sehr gastfreundlich aufgenommen wur­den, wollte er nicht in Italien bleiben. Durch die Vermittlung von Frede­ric Leith-Ross bekam er ein Einreisevisum nach England. Er fand sehr schnell Eingang in die Londoner Gesellschaft, wo er kein Unbekannter war und zudem Freunde besaß. Schüller legte nun keineswegs seine Hände in den Schoß: seine briti­schen Freunde richteten ihm ein Forschungsinstitut ein; in den öster­reichischen Exilorganisationen10 11) war sein Rat gefragt. In den USA wirkte Schüller im „Austrian [National] Committee“ mit. Zeitweilig scheint er Vorsitzender des Komitees gewesen zu sein11). Das Ziel der Organisation war die Wiederherstellung der Selbständigkeit Öster­reichs. Im November 1942 wurde Schüller Mitglied des „Military Com­9) Vgl. AdR Bundeskanzleramt (BKA), ZI. 141.500 - 14a/1938, Gegenstand: Auflocke­rung und Aufhebung der Devisenkontrolle in Österreich. - Stellungnahme der österrei­chischen Delegierten im ökonomischen und Finanzkomitee., V.B., Ökonom. Komitee, 28. Dezember 1938, Februar 1938, in: AdR, BKA, ZI. 141.500-14a/1938. 10) Zu den östereichischen Exilorganisationen siehe: Helene Maimann, Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien 1938-1945, Wien-Köln-Graz 1975 und Peter Éppel, Die Vereinigten Staaten von Amerika, in: Friedrich Stadler (Hrsg.), Vertriebene Vernunft II., S. 986-997; dort auch meinen knappen biographischen Aufsatz über Richard Schüller, S. 429-432. 11) Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands in Wien befindet sich eine undatierte Liste mit der Überschrift „The Members of the Austrian Committee“ (DÖW 4353), in der Schüller als Vorsitzender genannt wird. In einem ande­ren Dokument vom Dezember 1942 werden Hans Rott und Guido Zernatto als „Presi­dents“ aufgeführt. Richard Schüller, Erich Hula, Franz Werfel und Bruno Walter werden als „Permanent Advisers“ geführt (Vgl- Peter Éppel, S. 986.). 344

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