Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 42. (1992)
NAUTZ, Jürgen: Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas und zum europäischen Machtgleichgewicht. Die wirtschaftspolitischen Arbeiten Richard Schüllers im amerikanischen Exil 1943–1950
Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas Am 4. November 1918 trat Schüller in den Dienst des neuen österreichischen Staats. Auf die Initiative Victor Adlers hin wurde Schüller vom Handelsministerium ins Staatsamt für Äußeres versetzt, wo er die Leitung der neugeschaffenen Handelspolitischen Sektion übernahm. Hier arbeitete er sehr eng und vertrauensvoll mit dem Staatssekretär für Äußeres, Otto Bauer, zusammen. Welche angesehene Position Schüller bei den sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern hatte, mag der Umstand verdeutlichen, daß Bauer in ihm seinen geeigneten Nachfolger im Amt des Außenministers sah4). Trotz der wohl vorhandenen Vorbehalte in den Reihen der Christlichsozialen verlor Schüller seinen Einfluß nach dem Ausscheiden der Sozialdemokraten aus dem Kabinett im Oktober 1920 keineswegs. Im Gegenteil, er blieb für alle weiteren Bundeskanzler ein unentbehrlicher Berater in ökonomischen und finanziellen Fragen. Ende des Jahres 1926 wurde Schüller auf Antrag des deutschen Delegierten v. Schubert zum Mitglied des Wirtschaftskomitees des Völkerbundes auf unbestimmte Zeit ernannt5). Schüller nahm an sämtlichen Konferenzen und Entscheidungen teil, die für wirtschaftliche Belange Österreichs von Bedeutung waren. Er war in führender Stellung an den finanziellen Sanierungsabkommen vom Genf und Lausanne beteiligt. Als Schüller 1932 die durch die Sanierungsgesetze vorgesehene Altersgrenze für den aktiven Dienst erreichte, hätte er eigentlich in Pension gehen müssen6). Das Kabinett hatte aber nicht die Absicht, Schüller gehen zu lassen7)- Stattdessen berief ihn der Ministerrat zum ständigen Vertreter der österreichischen Bundesregierung beim Völkerbund8). Schüller blieb weiterhin die führende Figur der österreichischen Handelspolitik und behielt Einfluß auch auf anderen Gebieten der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die wohl letzte handelspolitische Initiative, die Schüller, nunmehr für die Regierung Schuschnigg, unternahm, fiel in den Februar 1938. Schüller entwickelte gemeinsam mit Viktor Kienböck einen Plan zur Einrichtung eines internationalen Devisenausgleichsfonds, mit dessen Hilfe auf eine allgemeine Aufhebung der Devi4) Bauer an Renner, 13. Juli 1919, in: Archiv der Republik (AdR), NPA, Präs. 233, fol. 668 ff. 5) Vgl. Sektionschef Schüller Mitglied des Wirtschaftskomitees, ungez. Artikel in: Neue Freie Presse vom 9. Dezember 1926, in: AdR, Zeitungsausschnittarchiv der Großdeutschen Volkspartei. 6) Dr. Schüller, ungez. Artikel, in: Wiener Neueste Nachrichten vom 21..Juli 1932, in: AdR Zeitungsausschnittarchiv der Großdeutschen Volkspartei. 7) Vgl. Ministerratsprotokoll Nr. 831 vom 26. Oktober 1932, in: Protokolle des Ministerrats, Abt. VIII, Bd. 2, S. 11. 8) Vgl. Ministerratsprotokoll Nr. 833 vom 10. November 1932, ebenda, S. 57f. 343