Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 42. (1992)

NAUTZ, Jürgen: Österreichische Überlegungen zur wirtschaftlichen Integration Europas und zum europäischen Machtgleichgewicht. Die wirtschaftspolitischen Arbeiten Richard Schüllers im amerikanischen Exil 1943–1950

Jürgen Nautz zum Doktor der Rechte. Die Habilitation erfolgte 1899 für Nationalöko­nomie. Von seinen akademischen Lehrern sind vor allem Carl Menger und Adolf Exner, aber auch Böhm-Bawerk und von Wieser zu nennen. Aus diesen ersten Jahren dürfte auch Schüllers Freundschaft zu Otto Bauer stammen. Otto Bauer saß im Seminar von Böhm-Bawerk, gleich­zeitig mit Rudolf Hilferding, Karl Pribram, Emil Lederer und Franz Xa­ver Weiss. Karl Renner war ebenfalls in diesen Kreisen zu finden. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten zählte Schüller zu der von Carl Menger begründeten „Grenznutzenschule“ oder auch „österreichische Schule der Nationalökonomie“. Die wichtigste wissenschaftliche Arbeit Schüllers aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist seine Schrift „Schutzzoll und Freihandel“ aus dem Jahre 19052). Schüller beklagt darin die zu jener Zeit vorherrschende Zollpolitik und plädiert für ei­nen möglichst ungehinderten Außenhandel. 1897 trat er auf Vermitt­lung seines akademischen Lehrers Carl Menger eine Stelle als Sekretär beim Niederösterreichischen Gewerbeverein an. Im Gewerbeverein konnte er durch seine erfolgreiche Tätigkeit viele neue Freunde gewin­nen. Bereits seit 1891 hatte sich Schüller einen Teil seines Lebensunter­haltes als Journalist verdient. 1891 kam er auf Empfehlung von Lu- dasssy, der im Mengeru2DSeminar saß, zu dem demokratischen Oppo­sitionsblatt „Wiener Allgemeine Zeitung“. Nachdem die Zeitung von der Bodenkreditanstalt aufgekauft worden war, verließ er die Redaktion und schrieb für die „Neue Revue“. In der „Arbeiter-Zeitung“ sind eben­falls Artikel von Schüller erschienen. Wohl vor allem aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit beim Nieder­österreichischen Gewerbeverein und der Protektion Carl Mengers wurde er im Juni 1898 ins Handelsministerium eingeladen. Im nächsten Monat nahm Schüller seine Arbeit in der zollpolitischen Abteilung auf, wechselte aber bald zur handelspolitischen Sektion. Trotz seiner bürger­lichen Herkunft und seines jüdischen Glaubensbekenntnisses machte Schüller eine schnelle Karriere. Er begann als Konzipient, wurde 1901 Ministerialsekretär, 6 Jahre später Sektionsrat. 1913 avancierte er zum Ministerialrat, 1917 zum Sektionschef. Seine letzten Verhandlungen für die Donaumonarchie führte er 1918 in Salzburg mit dem Deutschen Reich über eine Zollunion. Vorher war er an den Friedensverhandlun­gen in Brest-Litowsk und Bukarest beteiligt. Er genoß bereits in dieser Zeit hohes Ansehen. Alexander Spitzmüller nannte ihn neben Richard Riedl und Hans Loewenfeld-Russ eine „Kapazität allerersten Ranges“3). 2) Schutzzoll und Freihandel. Die Voraussetzungen und Grenzen ihrer Berechtigung, Wien-Leipzig 1905. 3) Alexander Spitzmüller, „... und hat auch Ursach, es zu lieben“, Wien-München- Stuttgart-Zürich 1955, S. 141. 342

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