Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)
AGSTNER, Rudolf: Das Hôtel Matignon als k. u. k. Botschaft in Paris 1889–1914
Rudolf Agstner übertrug er 1877 in einem Notariatsakt gegen eine lebenslängliche Rente von jährlich 300.000 Goldfranken seiner Mutter. Er litt an Verfolgungswahn28), war Sozialist aus Überzeugung, kurze Zeit Lehrer am Pariser „College Stanislas“ und der bedeutendste Philatelist seiner Zeit. Mit 30. September 1885 erwarb Ferrari in Böhmen die österreichische Staatsbürgerschaft29). 1886 ließ er sich zusammen mit seinem Busenfreund Timoté Edouard Boulanger30), um dessen Person es schon mit seinen Eltern zu schweren Zerwürfnissen gekommen war, durch den k. k. Hauptmann a. D. und k. k. Telegraphenamt-Rechnungsbeamten Emanuel de La Renotiére von Kriegsfeld adoptieren31). Nach der Adopteilt ist: die eine Hälfte ist wohl geordnet, die andere völlig wirr. Dieser einzige Sohn eines hundertfachen Millionärs hat lauthals, ohne Hemmung und bei jeder Gelegenheit in schändlichster Weise seine tiefe Verachtung für den Vater ausgedrückt und betont, daß er dessen Vermögen nicht wolle und es sich zur Pflicht mache, von eigener Arbeit zu leben. Ja, und derweilen er sich in solch schönen Redensarten erging, erhielt er tatsächlich eine Stelle als Repetitor am ,College Stanislas’, was ihn vom Militärdienst freistellt, worauf es ihm vor allem ankam... Was sicher scheint, ist, daß dieses Wesen, der nichts und niemandem ähnelt, niemals von einer Frau erobert werden wird. Er ist 26 Jahre alt, er scheint gut gebaut, aber keine Frau hat in ihm bisher das geringste Gefühl erwecken können. Ich habe ihn bei Tisch sitzen sehen neben den hübschesten Damen, und er hat sie nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Dagegen hat er eine Leidenschaft, eine wirkliche Leidenschaft, für den Sohn eines Hutmachers, der sein Mitschüler war. Er kann keinen Tag ohne ihn sein. Er bringt ihn zu seinen Eltern und wollte ihn sogar auf Dauer im Palast einlogieren. Unlängst hat er ihn verheiratet und ihm dazu 150.000 Francs gegeben (es handelt sich um E. Boulanger).“ Man wird davon ausgehen, daß sich gewisse homophile Neigungen des Adoptivvaters de la Renotiére und die Neigungen des Philippe de Ferrari und des M. Boulanger trafen und die Adoption als Deckmantel für die Beziehung Ferrari-Boulanger diente. Brühl berichtet (181 f.), daß aus Ferraris Schweizer Zeit seine Aversion gegen Frauen bekannt war - er betrat kein Geschäft, wenn Damen bedienten. 28) Le Figaro vom 10. Dezember 1888. 29) Mitteilung des Okresni Archiv Náchod, Cj. OA 78/79 vom 7. März 1989. Philippe de Ferrari und Adolf Boulanger beantragten unter Nr. 3421 die Erteilung des Heimat- und Bürgerrechtes in Braunau. In der Sitzung des Stadtrates und Gemeindeausschusses vom 10. Dezember 1884 wurde der Antrag zur Kenntnis genommen, am 5. Juni 1885 wurde dem Antrag stattgegeben. Die Erteilung des Heimatrechtes erfolgte am 30. September 1885. Am 1. Juli 1899 wurde unter der Nr. 908 in Braunau ein weiteres Heimatrecht erteilt. Weiters erteilte der Stadtrat über Ersuchen von Philippe de Ferrari Heimatrechte an weitere Freunde, und zwar: Julius Carpentier (26. Juni 1892), Henri Jules Lacoumette (20. Februar 1893) und Gaston Charonnet (10. März 1894). Am 18. Oktober 1893 verlieh die Stadtgemeinde Braunau noch das Heimatrecht an Ernst Isidor Boulen- ger und Eduard Eugene Boulenger (beide aus Paris), sowie am 24. April 1907 an Berthe Boulenger. Siehe auch:Schreiben des k.k. Ministerium des Innern an die Statthalterei in Prag vom 4. November 1887 Nr. 89656, Allgemeines Verwaltungsarchiv (=AVA), Adelsakte La Renotiére 1887. 30) *24. Februar 1849 Paris. 31) Adoptionsvertrag, abgeschlossen in Wien am 27. September 1886 vor dem Notar Jindrich Jirecek; Mitteilung des Okresni Archiv Náchod. Mit Schreiben des Landesge220