Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)
KUPRIAN, Hermann J. W.: „ …damit auch die Begabteren in Hinkunft dem Archivdienste treu bleiben…“. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Archivwesens 1892–1923
Zur Geschichte des österreichischen Archivwesens In der Tat suchte der Politiker Mayr sowohl im Reichsrat51 52 53) als auch im Tiroler Landtag55) trotz mancher parteipolitischer und parteitaktischer Rücksichtnahmen diesem Vorsatz treu zu bleiben. So legte er beispielsweise dem Reichsrat 1909 eine Resolution vor, worin er die Regierung aufforderte, „den geradezu skandalösen baulichen Zuständen beim Innsbrucker Staatsarchiv schleunigst ein Ende zu machen und den Neubau dieser hervorragenden im In- und Ausland bestens bekannten Fachanstalt unverzüglich durchzuführen“, wobei er allgemein darauf verwies, daß der gegenwärtige internationale Stand des österreichischen Archivwesens lediglich mit jenem der Türkei vergleichbar wäre54). All diese Interventionen führten jedoch auch in den folgenden Jahren zu keinem greifbaren Ergebnis. Vielmehr verschlechterte sich infolge des Kriegsausbruches und der nachfolgenden Auflösung der Monarchie die Situation der österreichischen Archive. Insbesondere das Fehlen eines allgemeinen Denkmalschutzgesetzes und einer Sonderregelung für Archivalien55), aber auch die mangelnde Exekutivgewalt des Archivrates, auf deren Problematik Mayr bereits mehrfach hingewiesen hatte, machte sich nunmehr in eklatanter Weise bemerkbar, zumal die Desintegration des multinationalen Habsburgerreiches eine Reihe ar- chivalischer Übergabeforderungen seitens der Sukzessionsstaaten nach sich zog56). Die junge Republik suchte sich vor dem drohenden thek die „A.H. Wahlspruch-Medaille“ (AVA, Staatskanzlei-BKA/alt, Karton 76, ZI. 280/41: Standesausweis Michael Mayr). Laut Neue Tiroler Stimmen vom 16. November 1901 hatte diese Auszeichnung bis dahin noch niemand in Tirol erhalten. Eine Zusammenstellung der Werke und Abhandlungen von Michael Mayr findet sich als Beilage zu den Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs 12/3(1915) 3-8. 51) TLA, Statth.-Präs., ZI. 3.288-l-6c-2-1915, Promemoria vom 8. Dezember 1915. 52) Mayr wurde 1907 als einziger Kandidat der Katholisch-Konservativen Partei Tirols, der er seit 1897 angehörte, in das Abgeordnetenhaus des Reichsrates gewählt, wo er sogleich dem Christlichsozialen Parlamentsklub beitrat. Dieser Parteiwechsel blieb seitens der konserativen Parteiführung bis 1918 heftig umstritten und trug Mayr 1911 den Verlust seines Reichsratsmandates ein. Vgl. dazu ausführlich Kuprian Mayr 94-227. 53) Seit 1908 saß Mayr auch als christlichsozialer Abgeordneter im Tiroler Landtag. Vgl. Kuprian Mayr 188ff. 54) Stenographische Protokolle des Abgeordnetenhauses, XIX. Session, 35. Sitzung vom 23. Juni 1909, 2228. 55) Vgl. Goldinger Archivwesen 73. 56) Für die erwartete Auseinandersetzung mit anderen Staaten über archivalische Fragen und Ansprüche wurde am 15. April 1919 eigens Oswald Redlich zum Archivbevollmächtigten ernannt und in dieser Funktion dem Staatsamt für Äußeres zugeteilt. Vgl. AdR, Kabinettsrats-Protokolle, Karton 8, Protokoll Nr.61 vom 15.April 1919 sowie AdR, Staatskanzlei/BKA(alt), Karton 76, ZI. 946/36 (liegt bei ZI. 280/1921), Brief Redlichs an Staatskanzlei vom 22. Oktober 1920; Bittner Das Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv in der Nachkriegszeit 143; ders. Die zwischenstaatlichen Verhandlungen über das Schicksal 203