Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)
KUPRIAN, Hermann J. W.: „ …damit auch die Begabteren in Hinkunft dem Archivdienste treu bleiben…“. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Archivwesens 1892–1923
Hermann Kuprian Verlust wertvoller Bestände dadurch zu schützen, indem sie am 5. Dezember 1918 ein Gesetz verabschiedete, das die Ausfuhr von kulturell, historisch und künstlerisch wertvollen Gegenständen strikt verbot* 57). Vierzehn Tage später wurde das gesamte Archivwesen unter dem Gesichtspunkt der „Wahrung der allen Verwaltungszweigen gemeinsamen Interessen“ dem Wirkungskreis der Staatskanzlei zugeordnet58). Der rührige Archivdirektor Michael Mayr, der bereits in den Tagen des Zusammenbruches der Habsburgermonarchie neben Landeshauptmann Josef Schraffl59) und Staatsratsmitglied Aemilian Schöpfer60) zu den führenden Köpfen der christlichsozialen Tiroler Landespartei zählte und nach den Februarwahlen 1919 in der verfassungsgebenden Nationalversammlung als vehementer Verfechter des Länderföderalismus auftrat61), wollte die Kompetenzverteilung und fachmännische Betreuung des österreichischen Archivwesens im Zuge der Verfas- sungs- und Verwaltungsreform endgültig geregelt wissen. Die Gelegenheit zur entscheidenden Einflußnahme in dieser Richtung erhielt er im Oktober 1919, nachdem er selbst gemäß dem Koalitionsabkommen zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen zur Überraschung vieler als „Staatssekretär mit der persönlichen Aufgabe zur Ausarbeitung der Verfassungs und Verwaltungsreform“ - so der offizielle Titel - in das Kabinett Renner III berufen wurde62). So sehr ihn auch diese Funktion als politischer Koordinator und Integrationsfigur zwischen den divergierenden Staats-, Landes- und Parteiinteressen hinsichtlich der Verfasder österreichischen Archive nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns in Archiv für Politik und Geschichte 3(1925) 58-95; ders. Gesamtinventar 38ff. 57) Staatsgesetzblatt Nr.90/1919; Goldinger Archivwesen 75. 58) Gesetz vom 19. Dezember 1918, Staatsgesetzblatt Nr. 139, §11, Abs. 1. 59) Zu Josef Schraffl (1855-1922) vgl. Josef Rungg Josef Schraffl. Landeshauptmann von Tirol in Deutsches Biographisches Jahrbuch 1922 253-264; Michael Forcher Josef Schraffl (1855-1922) in Osttiroler Heimatblätter 37/3(1969) 7f.; Oskar Hohenbruck 50 Jahre Tiroler Bauernpolitik. Geschichte des Tiroler Bauernbundes 1904-1954 Innsbruck 1954 140 und passim; Richard Schober Geschichte des Tiroler Landtages im 19. und 20. Jahrhundert Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs 4, Innsbruck 1984 533 ff. 60) Zu Aemilian Schöpfer (1858-1936) vgl. etwa Anton Klotz Dr.Aemilian Schöpfer. Priester und Volksmann Innsbruck 1936; Josef Stifter Dr. Aemilian Schöpfer und der Bruderstreit in Tirol, phil. Diss. Wien 1948; Anselm Sparber Dem Andenken des Prälaten Dr.Aemilian Schöpfer in Der Schiern 38(1958) 311-317. 61) Slapnicka Mayr 126; Felix Ermacora Österreichischer Föderalismus. Vompatri- monialen zum kooperativen Bundesstaat Schriftenreihe des Instituts für Föderalismusforschung 3, Wien 1976, 218f. 62) Der Wortlaut des Koalitionsprogrammes vom 17. Oktober 1919 findet sich in der Reichspost vom 18. Oktober 1919; bei Kelsen Verfassungsgesetze 5, 55 f. sowie bei Ermacora Quellen 189f.; Ursula Kokalj Konzentration und Koalition 1918-1920 phil.Diss Wien 1969, V-XXI. 204