Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)
KUPRIAN, Hermann J. W.: „ …damit auch die Begabteren in Hinkunft dem Archivdienste treu bleiben…“. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Archivwesens 1892–1923
Hermann Kuprian will, so bin ich doch fest überzeugt, daß zu viele als Mitglieder des Archivrates nicht vom Guten sind, da sie zumeist nur ein sehr einseitiges Interesse an die Archive knüpft“* 45), hatte der ambitionierte Archivdirektor noch 1898 an seinen Kollegen Gustav Winter46) geschrieben, während ihm nur wenige Jahre später der zuständige Ministerial- referent im Innenministerium privatim den Rat gab, er möge sich „mit der übermäßigen Ausgestaltung des Innsbrucker Archives zu verwaltender Tätigkeit nach auswärtigem Muster mehr bescheiden und nach dem Beispiele anderer Archive lieber auf die bequemere und ehrenvollere wissenschaftliche Produktion stärker verlegen“47). Diese Bemerkung schien hingegen gerade jenen Verdacht zu bestätigen, den Mayr schon 1902 beim Deutschen Archivtag in Graz öffentlich geäußert hatte, als er Oswald Redlichs Ausführungen über die Errungenschaften des österreichischen Archivwesens der letzten Jahre lakonisch entgegnete, es würde „innerhalb der Verwaltung nur selten eine Erkenntnis von den großen Vorteilen eines modern geregelten Archivwesens“ bestehen48). Weil er aber sowohl die einseitige Bevorzugung der wissenschaftlichen Arbeit49) als auch die tiefgreifende Ignoranz der Ministerialbürokratie für die administrativen Belange der Archive als Krebsschaden in der Entwicklung des österreichischen Archivwesens monierte, fühlte er sich durch die Mahnung des Ministerialreferenten nicht nur in seiner eigenen akademischen Forschungs- und Lehrtätigkeit angegriffen50), sondern faßte überdies den Entschluß, „durch den Reichsrat eine andere Auffassung herbeizuführen“51). tenzverteilung zwischen Zentralkommission für kunst- und historische Denkmale, die seit 1911 zur Zentralkommission für Denkmalpflege umbenannt worden war, und dem Archivrate freute, an der er selbst in höchstem Maße beteiligt war. Vgl. Michael Mayr Zur Pflege der Pfarr- und Gemeindearchive in Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs 10(1913) Iff. 45) Zit. bei Goldinger Archivwesen 94. 46) Zu Gustav Winter (1846-1922) siehe Franz Hüter Biographie der Archivbeamten seit 1749 in Bittner, Gesamtinventar, Band 1, 1-66, besonders 157-161. 47) TLA, Statth.-Präs., ZI. 3.288-I-6c-2 - 1915, Promemoria vom 8. Dezember 1915. 48) Zit. nach Goldinger Archivwesen 41. 49) Dabei wollte Mayr sich keinesfalls vorwerfen lassen, die wissenschaftliche Produktion des Archivs zu vernachlässigen. Um seinen Untergebenen Gelegenheit zu geben, ihre Forschungen auch zu publizieren, initiierte er die Herausgabe der Vierteljahresschrift „Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs“, die zwischen 1903 und 1920 regelmäßig erschien. 50) Am 26. März 1900 wurde Mayr gleichsam in kompensatorischer Form ein unbesoldetes Extraordinariat für Allgemeine Neuere Geschichte mit Sitz und Stimme im Kollegium zuerkannt, weil er in der Terna für die Nachfolge des nach Wien berufenen Josef Hirn nicht berücksichtigt wurde (Vgl. Oberkofler Fächer 101 f.). 1901 erhielt er schließlich für die Annahme der Widmung und anschließende Einverleibung seines „Jagd- und Fischereibuches Kaiser Maximilians I.“ in die habsburgische Familienbiblio202