Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HEPPNER, Harald: Pazvandoglu – Ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik im Jahre 1802

354 Harald Heppner Begnadigung stehe mit dem Wechsel im Großwesirat in Verbindung, denn der neue Amtsträger sei ein Freund des Vidiner Paschas, doch hielt er darüber hinaus drei Ursachen für die türkische Entscheidung für möglich: 1. die Pforte wolle keine weitere Einmischung in ihre inneren Angelegen­heiten; 2. Pazvandoglu habe überzeugend erklärt, hinfort „brav“ zu sein; 3. Rußland habe seine Hand im Spiel gehabt32 33 *). Daraus kann geschlossen werden, daß Testa als einzig wirklich Einblick Habender dem Mitwirken Österreichs keine entscheidende Bedeutung zumaß. Trotzdem war der Wiener Hof offenbar der Ansicht, einen Erfolg verbucht zu haben, denn über kaiserlichen Entschluß wurde Hauptmann Honig, da seine Mission dem erwarteten Zweck entsprochen habe, im Dezember 1802 zum Major befördert und erhielt den Posten des Kommandanten von Alt-Or?ova 3S). Diese Widersprüchlichkeit nötigt zur Frage nach den Ursachen, womit der Stil der habsburgischen Außenpolitik, aber auch deren Stellenwert am orientalischen Parkett dieser Ära betrachtet werden muß. Die politischen Aktivitäten Rußlands, das Österreich bereits seit längerem in Südosteuropa „überholt“ hatte, einerseits, andererseits die Notwendig­keit, den osmanischen Angelegenheiten als jenen des Nachbarn von vorn­herein Aufmerksamkeit zu schenken — umso mehr dann, wenn sich der Sinn zur Wahrung der Staatsinteressen durch die Kriege mit Frankreich noch verstärkt hatte —, führten zu dem konkreten Bedürfnis Österreichs, eine Handhabe zur Einflußnahme in die anarchischen Zustände der Nach­barschaft, Rumeliens und Serbiens, zu bekommen. Daher rührt jene Hart­näckigkeit, mit der schließlich selbst gegen den eigentlichen Willen der Pforte die Verhandlungen mit Pazvandoglu fortgeführt wurden. Das Be­dürfnis nach Engagement ruhte aber auf einem zwiespältigen Denken, das keine gute Grundlage für die außenpolitische Vorgangs weise bot. Dies zeigt sich daran, daß Österreich zuerst rasch reagierte und der türkischen Bitte nachkam; sobald von seiten der Pforte aber sanfter Widerstand zu verspüren war und sich daran Risken knüpften, wurden die Dinge ihrem Lauf überlassen, sodaß Rußland schließlich das größere Gewicht bekam. Als ebenso zwiespältig entpuppt sich auch das Verhalten gegenüber Ruß­land, das die Staatskanzlei im Grunde weit mehr als die Osmanen zu fürchten hatte. Auf der einen Seite gedachte der Wiener Hof von vorn­herein, den Zaren wegen der Betrauung Österreichs mit dem Fall „Paz­vandoglu“ zu verständigen — eine ähnliche, für notwendig erachtete Haltung zeigt sich auch bald danach bei Ausbruch des ersten serbischen Aufstandes —, auf der anderen Seite erfolgte die tatsächliche Verständi­gung aber erst im Juni 1802, zu einem Zeitpunkt, als Rußland längst vom österreichischen Eingreifen wußte und sich auch schon selbst eingeschal­32) B 1802 August 10 P. S. 2: HHStA StA Tü II 129. 33) Hofkriegsrat an Hauptmann Honig, 1802 Dezember 7, in KA Hofkriegsrat 1802 G 14—106/1 und 14—106/2. Honig konnte sich seiner Avance nicht lange erfreuen, er starb am 30. Jänner 1803 in Alt-Or§ova.

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