Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HEPPNER, Harald: Pazvandoglu – Ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik im Jahre 1802
tet hatte,4). Daraus läßt sich schließen, daß die Staatskanzlei die reale Rolle Rußlands am Balkan nicht wahrhaben wollte, — daher wohl der Irrglaube, entscheidende Verdienste bei der Beilegung des Konflikts zwischen Pazvandoglu und der Pforte errungen zu haben, daher andererseits aber der Eindruck einer schwankenden, ja schwachen Macht in den Augen der Russen34 35). Zur Charakteristik der Situation muß aber ohne Zweifel in Rechnung gestellt werden, daß Österreich zu diesem Zeitpunkt drei konkrete Nachteile auf seiner Seite hatte: 1. war es sehr stark auf Napoleon fixiert und betrieb die Südosteuropapolitik damals nur mit halber Kraft; 2. stellten die damals maßgeblichen Außenpolitiker nicht gerade Spitzenkräfte dar, die eine starke Politik zu führen fähig waren36); 3. bedeutete der überraschende Tod des Internuntius Herbert — politisch betrachtet — einen unglücklichen Zufall, denn Herbert hatte durch seine jahrzehntelange Tätigkeit die orientalische Diplomatie zweifellos besser als sein Untergebener Testa beherrscht37). Abgesehen von diesen Umständen charakterisiert die österreichische Südosteuropapolitik — allem Anschein nach seit dem Trauma von 1739 (Friede von Belgrad) — auch Unsicherheit, nicht in der Zielsetzung, aber in der Wahl der politischen Mittel, die in Zeiten echter oder scheinbarer Stärke überdeckt ist, sonst aber unverhohlen zum Vorschein kommt. Diese Unsicherheit offenbart sich auch im Verhalten gegenüber Pazvandoglu. Der Wiener Hof glaubte, durch Verhandlungen mit Osman Pascha die Voraussetzung für einen Erfolg, d. h. für die Wiederherstellung normaler Verhältnisse an der unteren Donau zu schaffen, ohne an andere, die Pforte zwar vielleicht im Moment irritierende, von ihr anfangs aber selbst geforderte und für das Ziel effektive Mittel zu denken, wie es Rußland tat: Der Zar drohte zumindest, durch die Donaufürstentümer gegen den Vidiner Rebellen aufzumarschieren 38); Österreich scheute jedoch den Einsatz der Waffen. Neben der West- und Ostverpflichtung des Habsburgerstaates, neben den aus der inneren Struktur hervorgehenden Rücksichten war die Unsicherheit im außenpolitischen Stil eine Determinante der Südosteuropapolitik von erheblicher Bedeutung, die es mit sich brachte, daß die Politik des Wiener Hofes zwar eine Politik des Ausgleichs und der Anwendung friedlicher Mittel, aber in Hinsicht auf Rußland als kontinuierlichen Hauptgegner in Südosteuropa auch eine Politik geringer Durchschlagskraft war. 34) B 1802 Juni 26 P. S. 4: HHStA StA Tü II 128. 35) Dieses Bild ergibt sich generell aus dem Studium der russischen diplomatischen Akten aus dem späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. 3«) Vizestaatskanzler Johann Ludwig Graf Cobenzl, Staats- und Konferenzminister, und Franz Graf Colloredo-Wallsee, Kabinetts- und Konferenzminister, siehe Erwin Matsch Geschichte des auswärtigen Dienstes von Österreich (-Ungarn) 1720—1920 (Wien—Köln—Graz 1980) 55—56. 37) Vgl. Constant von Wurzbach Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich 8 (Wien 1862) 352—357. 38) Aleksandr an Tomara, 1802 Juni 28, in VPR 1 232 f. Pazvandoglu — ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik 355 23*