Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HEPPNER, Harald: Pazvandoglu – Ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik im Jahre 1802
aus der Hand geben wollte. Die Fiktion beruhte — wie es den logischen Zusammenhängen entspricht — also nicht auf dem bleibenden Bedarf von türkischer Seite, sondern auf dem Verhalten des Vidiner Paschas, den der Wiener Hof allem Anschein nach erheblich unterschätzte. Pazvandoglu’s Verhalten zeigt sein großes Geschick, allen beteiligten Mächten gegenüber ein anderes Spiel zu spielen mit dem Zweck, dabei am besten auszusteigen. Auf den Zugzwang der Pforte durch den Vorstoß der Truppen Osman Paschas wurde schon oben hingewiesen. Für eine zumindest begrenzt wohlwollende Haltung Rußlands hatte er dadurch gesorgt, indem er spätestens seit Februar 1802 sich mehrfach beim Zaren um eine Vermittlung für seine Begnadigung bemühte und dabei seine Ergebenheit gegenüber Rußland beteuerte29). Im Brief kontakt mit dem russischen Generalkonsul in Ia?i bezog er daher die Rolle des von Intrigen Umzingelten und Bedrängten, der Mitleid mit den Armen und Ausgebeuteten habe und sie daher schütze, ohne sich aber konkret für den Einfall in der Walachei zu rechtfertigen. Wiederum anders verhielt er sich gegenüber Österreich, seinem unmittelbaren Nachbarn im Norden: Der „gute“ Empfang Honigs könnte durchaus darauf angelegt gewesen sein, Aufsehen und Gerüchte darüber hervorzurufen; seine angebliche Konzessionsbereitschaft („eingehende Verhandlungen“) sollte den Wiener Hof hinhalten; seine Frage an Honig, wie er sich dem russischen Generalkonsul (mit dem er ja seit Monaten eine geheime Korrespondenz betrieb), gegenüber verhalten solle 30), zeigt gleichfalls seinen Trickreichtum, um eventuellen Gegnern Sand in die Augen zu streuen. Während Ende Juli 1802 für Wien noch alles offen schien, überbrachte die Konstantinopler Post vom 10. August die Mitteilung, daß Pazvandoglu pardoniert worden sei und die Pforte für Österreichs Bemühungen danke 31). Honig wurde daraufhin zurückberufen. Wohl berichtete Testa, die Pazvandoglu — ein Prüfstein der habsburgischen Südosteuropapolitik 353 2») Malinovskij an Kocubej, 1802 Juni 13: HUR 4 381, desgleichen 1802 Juli 16: ebenda 403; Pazvandoglu an Malinovskij, 1802 Juni 20: ebenda 392 f, desgleichen Juni 1802: ebenda 404, desgleichen 1802 Juli 16: ebenda 415. 30) Bericht Honigs an Soro, 1802 August 19, als Beilage zum Schreiben Cobenzls an Erzherzog Karl, 1802 Februar 5 (siehe Anmerkung 7). 31) B 1802 August 10 P. S. 2: HHStA StA TU II 129, desgleichen Testa an Soro, 1802 August 10, als Beilage zum Schreiben Cobenzls an Erzherzog Karl, 1802 Februar 5 (siehe Anmerkung 7). Erst daraufhin war für den neu ernannten Internuntius Ignaz Stürmer „die Bahn frei“ für den Dienstantritt in Konstantinopel. Auf seiner Reise über Siebenbürgen und durch die Walachei begleitete ihn der Sprachknabe Josef von Hammer, der später bekannte Orientalist, der dies in seinen Erinnerungen schilderte. — Pazvandoglu erhielt die Begnadigung von der Pforte, noch bevor er seinerseits seine Unterwerfung unter Selim III. formell ausgesprochen hatte; siehe Tomara an Zar Aleksandr, 1802 August 13, in Vnjesnjaja politika Rossii XIX i nacala XX veka. Dokumenty rossijskogo ministerstva inostrannych del serija I 1 (im folgenden VPR 1) (Moskva 1960) 270—271, woraus zu ersehen ist, wie schwach und unter Zugzwang die Pforte war. Mitteilungen, Band 38 23