Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

296 Walter Hummelberger lichen Gedankengängen abgedrängt werden konnte, ist nicht zu beant­worten ohne auf die Entwicklung seiner sonstigen politischen Anschauun­gen Rücksicht zu nehmen. In dem Gedankenleben des Kronprinzen war, schon seit seiner frühen Jugend, keine Richtung so stark ausgeprägt als die Gegnerschaft gegen die österreichische Aristokratie und die geradezu fanatische Abneigung gegen alle klerikalen Tendenzen. Dieser Grundzug seiner politischen Denkungsweise, dem er auch nach Ausreifung seines Wesens bis zu seinem Lebensende treu blieb, war dann die Bussole, wel­che ihm in seiner Stellungnahme zu den nationalen Fragen die Richtung wies. Diese antifeudale und antiklerikale Orientierung des Kronprinzen war so unverrückbar, daß er ein Todfeind des Regimes Taaffes werden mußte, sobald dieser die feudal-klerikale Richtung seiner Politik praktisch betätigte. Und, weil dieses Regime auch die Tschechen begünstigte, wur­de Rudolf geradezu zwangsläufig auf eine politische Einstellung gedrängt, welche die unter Taaffes Auspizien berücksichtigten nationalen Ansprü­che der Tschechen mit immer kritischeren Blicken verfolgte. Dieser Um­schwung war freilich ein allmähliger. Wir wissen nicht, in welchem Ma­ße etwa der persönliche Einfluß deutscher Politiker zu demselben bei­trug 20), solange der Kronprinz noch in Prag lebte. Sicherlich ist aber der Kronprinz in Wien sehr bald vollständig in den Bann der durch Mo­ritz Szeps repräsentierten deutschliberalen Ideenkreise geraten 21). Schon in einer Denkschrift des Kronprinzen über die innere Lage Oester­reichs, die noch in Prag — u. zw. im Jahr 1881 — entstand 21a), wendet sich der Thronfolger scharf gegen die Regierungsgrundsätze des Grafen Taaffe; er schreibt dort u. a. Folgendes: „Ferners führt das gegen­wärtige Regime mit seinen Konzessionen eine allmählige und unwider­rufliche Befestigung der Slavenherrschaft in Oesterreich herbei. Gerechte Konzessionen an die slavischen Stämme waren nicht nur löblich, sondern praktisch notwendig. Doch ein Ende muß gemacht werden, denn sonst entsteht ein Slavenreich, das in der jetzigen Form mit den deutschen Provinzen rechnen muß und daher als solches eine Utopie ist. Anders wäre es, wenn man ein slavisches Donaureich gründen wollte und durch liberale, milde Regierung zum Gegensätze der brutalen russischen Will­kürherrschaft alle südlichen Slaven um die eigene Fahne versammeln wollte. Dann kann man slavisch regieren, Deutschenverfolgung ins Pro­20) Ernst Plener, welcher ein häufiger Besucher am Hradschin war, versi­chert, daß zwischen dem Kronprinzen und ihm von innerer Politik nur wenig gesprochen wurde (Erinnerungen II. Bd., 1921, S. 128). 21) Es ist jedenfalls zu beachten, daß das „Neue Wiener Tagblatt“ nach einer langen Unterredung, die Szeps mit dem Thronfolger am 9. Juli 1882 in Prag hatte (vgl. Szeps, Kronprinz Rudolf, S. 13), über die böhmischen Verhält­nisse durch einen vollen Monat keinen Artikel brachte, während die hochak­tuell gewordene ägyptische Frage in dem Blatt einen breiten Raum einnimmt. 2ia) Wien, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Selekt Kronprinz Rudolf 15 fol. 103— 110. Diese Anmerkung wurde in der tsch. F. weggelassen.

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