Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 297 gramm aufnehmen, denn dann hätte man mit den deutschen Ländern ohnedies nichts mehr zu tun. Doch im jetzigen Oesterreich kann ein voll­kommen slavisches Regime nicht von Nutzen sein. Eine weitere Eventuali­tät, die kommen muß, ist eine Intervention Ungarns, denn das jetzige magyarische Ungarn kann bei dem lebhaften Zusammenhang der öster­reichischen und ungarischen Slaven nur mit ernster Besorgnis den Vor­gängen in Oesterreich zusehen“. Das große Dilemma in den politischen Anschauungen des Kronprinzen, in das er, der Slavenfreund, wegen seines unversöhnlichen Hasses gegen das Regime Taaffe geriet, äußert sich schon deutlich in einem Schreiben vom 11. Februar 1881, wo er seinem ehemaligen Erzieher, dem Herren­hausmitglied von Latour, wegen seiner Haltung in der Frage der tsche­chischen Universität lebhafte Vorwürfe macht: „Tief bekümmert war ich, ich kann es nicht leugnen, Ihren Namen auf einer Liste mit jenen des Kardinal Schwarzenberg, Graf Belcredi u. a. vielen von sehr üblem Klang zu finden. Sie sind da in eine böse Gesellschaft hineinge­raten. Ueber die tschechische Universität kann man denken, was man will. Es ist ein Unsinn, ein Schade für Alle, doch wenn es die Leute wollen, kann man es ihnen nicht verwehren. Eine Bevölkerung von fünf Millionen kann nicht einer Hochschule beraubt sein, wenn sie dieselbe wünscht. Sie haben Recht, wenn sie diesen Standpunkt einnehmen, doch sollten sie dann gar nicht, aber (jedesfalls) nicht gegen ihre alten Kameraden, gegen die Vorkämpfer des libera­len Prinzipes mit jener feudal-klerikalen Rotte zusammenstimmen. Sie waren da in einer bösen Gesellschaft! Ich bin vielmehr den Slaven wohlgesinnt, als Sie. Ich habe für die große slavische Rasse lebhafte Sympathien, und eben darum bin ich so ergrimmt, über jene vollkommen nationallosen feudalen Her­ren, die das slavische Volk zu sich in den Kot ziehen, um es auszunützen zur Erreichung ihrer reaktionären und klerikalen Pläne. Die Slaven sind liberal, und es wird der Tag kommen, wo sie diese Herren gründlich desavouieren werden 22).“ Solche Gedankengänge begegnen auch wieder in der schon erwähnten Denkschrift des Kronprinzen über die politische Situation vom Jahre 1881, sie gipfeln in der Auffassung, daß es zwischen Deutschen und Tsche­chen einen großen einigenden Gedanken gäbe, nämlich den Liberalismus: 22) Selekt Kronprinz Rudolf 16. Angesichts dieser an die Adresse Latours gerichteten Vorwürfe ist es um so unverständlicher, daß die Gerüchte gerade diesem eine antitschechische Einflußnahme am Wiener Hofe zuschrieben. Georg Schönerer schrieb darüber am 9. Juni 1881 in der „Breslauer Zeitung“: „Zu alle­dem sind die Tschechen auch durch den unterbliebenen feierlichen Einzug des kronprinzlichen Paares in Prag stark verschnupft, denn, wenn auch zugegeben werden muß, daß die Kronprinzessin durch die vielen Feierlichkeiten in Wien und Pest ermüdet wurde, so bleibt es immerhin auffallend, daß diese Ermüdung just bezüglich Prag zum programmstörenden Ausdruck kam. Es erscheint daher nach alledem nicht so imwahrscheinlich, was seit einigen Tagen vorläufig noch in der Form allgemeiner Gerüchte transpiriert, daß nämlich in Hofkreisen eine Strömung immer mehr an Intensität gewinnt, welche gegen die stetig wachsen­den Ansprüche der slavischen Nationalitäten gerichtet ist. Der ehemalige Er­zieher des Kronprinzen, General Latour, wird mit dieser Strömung in Verbin­dung gebracht“.

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