Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 293 noch die Kaiserin-Witwe Anna — das zeigen die Adaptierungen, die da­mals selbst für die bescheidenen Ansprüche des jungen Thronfolgers er­forderlich waren. Vom Standpunkte der Dynastie war die durch die Ver­nachlässigung der Prager Residenz gegebene Entfremdung der tschechi­schen Psyche selbstverständlich ein schwerer Fehler, und Rudolf selbst hat dies später selbst unbewußt ausgesprochen, wenn er am 24. Juni 1880 an Latour schrieb: „Was habe ich als einfacher Regimentskommandant in diesen zwei Jahren für die Nation getan? Gar nichts, als in Prag gewohnt. Man wird hier auf eine billige Art ein großer Mann“. Der erste Empfang des Thronfolgers in Prag wäre allerdings — wenn ein nach Wien gelang­ter Konfidentenbericht vom 10. August 1878 13) der Wahrheit entspricht — nicht allzu herzlich gewesen: „... Wiener und offiziöse Blätter schwärmen von einem angeblichen Enthusiasmus, davon kann aber absolut keine Rede sein. Der Kronprinz geht zur Rekrutenabrichtung nach Prag — was soll es da auch Besonderes geben? Die tschechischen Blätter aller Schattierungen verhielten sich auch merklich kühl. Riegers „Politik“ erinnerte den Kron­prinzen recht zart daran, daß es am Hradschin auch „historische Fenster“ gäbe, Skrejowskys „Epoche“ ärgert sich offen über Freudenbezeugungen und (die) „Národní listy“, das liberale Jungtschechenblatt, schwiegen ganz. Und das nennt man den tschechischen Enthusiasmus für das angestammte Herrscherhaus! Mit dem Feudaladel kam der Kronprinz auch wenig zu­sammen.“ Nichtsdestoweniger hatte der Geist Gindelys und Jireceks den Kronprinzen nach Prag begleitet, und es ist kein Zweifel, daß sich hier, nicht nur aus Opportunismus, sondern auch gefühlsmäßig, seine Sympa­thie für die Slaven und insbesondere für die Tschechen vertiefte. Wahr­scheinlich rührt aus dieser Prager Zeit eine undatierte und nur skizzen­haft überlieferte Studie her u), die nicht über die Einleitung gedieh, hier aber folgende fundamentale Sätze enthält: „Der größte Teil der Bevölke­rung Oesterreich-Ungarns, der Zahl nach, ist slavisch. Die Slaven nehmen stetig zu, sie entwickeln und kräftigen sich zu emporblühendem Selbst­gefühl, zum Bewußtsein ihrer Macht. Die Slaven, welchem Volksstamm immer sie auch angehören mögen, haben um ihrer selbst willen, dank ihres Charakters, eine große, eine mächtige Zukunft vor sich und Wahnsinn wäre es, in einem Staate wie Oesterreich, eine die Slaven nicht berücksichtigende Politik zu führen. Inwieweit diese unselige Richtung doch eingeschlagen ist, und an was für Gefahren und zu welch ungeheuren Kämpfen sie das österreichische Staatsschiff bringen wird, das sei in kur­zen Umrissen skizziert die Aufgabe dieser Flugschrift“. Vollständig ging Rudolf in seinem militärischen Beruf auf, und nichts bezeichnet besser, daß er seinem Regiment mit ganzem Herzen zugetan * 14 i*) Wien, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Informationsbureau, ZI. 2522 ex 1878. Siehe oben S. 279. 14) Nachlaß des Kronprinzen. Im Selekt Kronprinz Rudolf heute nicht mehr auffindbar.

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